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Wie schreibst du eine systematische Übersichtsarbeit in der Pflegewissenschaft? PRISMA Schritt für Schritt (2026)

Eine systematische Übersichtsarbeit in der Pflegewissenschaft ist kein ausführlicherer Literaturbericht, sondern ein eigenes methodisches Vorgehen mit festen Schritten, die von der Fragestellung bis zum PRISMA-Flussdiagramm nachvollziehbar dokumentiert werden müssen. Diese Anleitung führt Schritt für Schritt durch den Prozess, wie er für eine Pflegewissenschaft-Bachelor- oder Masterarbeit umsetzbar ist, damit die methodische Strenge nicht erst im Kolloquium zum Problem wird.

Was unterscheidet eine systematische Übersichtsarbeit von einer normalen Literaturarbeit?

Eine systematische Übersichtsarbeit folgt einem im Voraus festgelegten, reproduzierbaren Suchprozess mit dokumentierten Ein- und Ausschlusskriterien, während eine klassische Literaturarbeit die einbezogenen Quellen ohne offengelegtes Suchprotokoll auswählt. Nicht jede Literaturarbeit muss systematisch sein – welcher Review-Typ (systematisch, Scoping, Rapid, Umbrella) zu welcher Fragestellung passt, erklärt der Beitrag Welcher Review-Typ passt zu deiner Abschlussarbeit? im Detail; dieser Beitrag setzt voraus, dass die Entscheidung für die systematische Form bereits gefallen ist, und geht ausschließlich auf die Durchführung ein.

Die pflegewissenschaftliche Abschlussarbeit unterscheidet sich dabei nicht in der Grundlogik von systematischen Übersichtsarbeiten anderer Gesundheitsfächer, wohl aber in der typischen Fragestellung: Pflegeforschung fragt seltener nach der Wirksamkeit eines Medikaments und häufiger nach der Wirksamkeit einer pflegerischen Intervention, eines Versorgungsmodells oder einer Schulungsmaßnahme – ein Unterschied, der bereits die Wahl der Datenbanken und der Suchbegriffe beeinflusst.

Schritt 1: Die Fragestellung nach dem PICO-Schema präzisieren

Für Pflegewissenschaft-Reviews hat sich das PICO-Schema durchgesetzt: Population (welche Patientinnen, Patienten oder Pflegesetting), Intervention (welche Maßnahme oder Exposition), Comparison (Vergleichsgruppe oder -bedingung, falls vorhanden) und Outcome (welches Ergebnis gemessen wird). Eine präzise PICO-Frage – etwa „Reduziert eine strukturierte Frühmobilisation (I) im Vergleich zur Standardmobilisation (C) bei postoperativen Patientinnen und Patienten nach Hüft-Operation (P) die Dauer des Krankenhausaufenthalts (O)?“ – ist die Grundlage für jeden folgenden Schritt, weil sie die Suchbegriffe, die Einschlusskriterien und später die Synthese vorstrukturiert.

Eine unpräzise Fragestellung wie „Wie wirkt sich Mobilisation auf Patienten aus?“ lässt sich weder sinnvoll in Suchbegriffe übersetzen noch später eindeutig beantworten. Die PICO-Struktur zwingt dazu, jede dieser vier Dimensionen einzeln festzulegen, bevor die eigentliche Suche beginnt – ein Aufwand von meist ein bis zwei Tagen, der sich in jeder folgenden Phase auszahlt.

Schritt 2: Das Vorgehen vorab protokollieren

Vor der eigentlichen Suche wird ein kurzes Protokoll erstellt, das Fragestellung, Ein- und Ausschlusskriterien, geplante Datenbanken und das geplante Vorgehen zur Qualitätsbewertung festhält – für eine Abschlussarbeit reicht ein internes Dokument, das im Anhang beigefügt wird; eine formale Registrierung in einem öffentlichen Register ist für Bachelor- und die meisten Masterarbeiten nicht üblich, wird von manchen Betreuenden aber empfohlen, um die Vorabfestlegung zu belegen.

Schritt 3: Suchstrategie und Datenbanken festlegen

Für pflegewissenschaftliche Reviews sind fachspezifische Datenbanken unverzichtbar, allgemeine Suchmaschinen allein reichen nicht aus. Die Suchbegriffe werden aus der PICO-Frage abgeleitet und um Synonyme sowie Schlagwörter der jeweiligen Datenbank (etwa MeSH-Begriffe) ergänzt, mit Boolean-Operatoren (UND/ODER) kombiniert und in mindestens zwei bis drei einschlägigen Datenbanken parallel ausgeführt. Diese Suchstrategie wird wortwörtlich dokumentiert, damit sie im Methodikkapitel reproduzierbar dargestellt werden kann.

Für pflegewissenschaftliche Themen sind neben den großen biomedizinischen Datenbanken auch pflegespezifische Fachdatenbanken relevant, die gezielt Pflegezeitschriften und -literatur indexieren und damit Studien erfassen, die in rein medizinischen Datenbanken nicht auftauchen. Eine vollständige Übersicht kostenloser wissenschaftlicher Datenbanken für die Literaturrecherche im DACH-Raum, inklusive Zugangsmodus und Fachzuordnung, bietet der Beitrag Die 20 besten kostenlosen wissenschaftlichen Datenbanken. Ergänzend lohnt sich eine Handsuche in den Literaturverzeichnissen bereits gefundener Schlüsselstudien (Schneeballsystem), weil systematische Datenbanksuchen nachweislich nicht jede relevante Publikation erfassen.

Schritt 4: Die vier PRISMA-Phasen durchlaufen

Das PRISMA-2020-Statement (Page et al., 2021, BMJ) ist der internationale Standard für die Berichterstattung systematischer Übersichtsarbeiten und strukturiert den Auswahlprozess in vier Phasen: Identification (alle über die Datenbanksuche gefundenen Treffer, vor Entfernen von Duplikaten), Screening (Prüfung von Titel und Abstract gegen die Einschlusskriterien), Eligibility (Volltextprüfung der verbliebenen Studien) und Included (die tatsächlich in die Synthese einbezogenen Studien). Jede Phase wird mit der jeweiligen Trefferzahl im PRISMA-Flussdiagramm dokumentiert, inklusive der Gründe für den Ausschluss in der Volltextphase – dieses Diagramm ist in pflegewissenschaftlichen Abschlussarbeiten inzwischen ein festes Erwartungselement, nicht nur eine Kür.

Die vier PRISMA-Phasen einer systematischen Übersichtsarbeit: Identification, Screening, Eligibility, Included
Jede der vier PRISMA-Phasen wird mit ihrer Trefferzahl im Flussdiagramm dokumentiert.

Schritt 5: Titel-Abstract-Screening und Volltextprüfung

Im ersten Screening-Schritt werden Titel und Abstract aller Treffer gegen die vorab festgelegten Einschlusskriterien geprüft – für eine Abschlussarbeit reicht in der Regel eine Person, wobei ein zweites unabhängiges Screening durch eine Kommilitonin oder einen Kommilitonen für eine Teilmenge der Treffer die Nachvollziehbarkeit erhöht und im Methodikteil positiv erwähnt werden kann. Studien, die nach Abstract nicht eindeutig ausgeschlossen werden können, werden im Volltext geprüft; jeder Ausschluss in dieser Phase wird mit einem konkreten Grund dokumentiert (etwa falsche Population, falsches Outcome, kein Volltext verfügbar).

Schritt 6: Qualität der eingeschlossenen Studien bewerten

Jede eingeschlossene Studie wird mit einem zum Studientyp passenden Bewertungsinstrument auf methodische Qualität geprüft, bevor sie in die Synthese eingeht. Welches Instrument – CASP, AMSTAR 2 oder die PEDro-Skala – zu welchem Studientyp gehört und wie die Bewertung konkret abläuft, erklärt der Beitrag CASP, AMSTAR 2 oder PEDro? ausführlich; ohne diesen Schritt bleibt unklar, wie viel Gewicht einer einzelnen Studie in der späteren Synthese zukommen sollte.

Schritt 7: Daten extrahieren und synthetisieren

Für jede eingeschlossene Studie werden die relevanten Angaben – Stichprobe, Setting, Intervention, Outcome-Messung, zentrale Ergebnisse – in eine strukturierte Extraktionstabelle übertragen, die als Grundlage für die narrative oder – bei ausreichend vergleichbaren quantitativen Studien – statistische Synthese dient. Für die meisten Pflegewissenschaft-Abschlussarbeiten ist eine narrative Synthese der Regelfall, weil die eingeschlossenen Studien selten methodisch homogen genug für eine Meta-Analyse sind; das ist keine geringerwertige Lösung, sondern die in diesem Fach übliche und akzeptierte Vorgehensweise.

Extraktionstabelle für eine systematische Übersichtsarbeit in der Pflegewissenschaft: Stichprobe, Setting, Intervention, Outcome
Eine strukturierte Extraktionstabelle ist die Brücke zwischen Einzelstudien und der narrativen Synthese.

Ein durchgerechnetes Beispiel: von der PICO-Frage zum Flussdiagramm

Angenommen, die PICO-Frage lautet: „Reduziert eine strukturierte Delir-Präventionsmaßnahme (I) im Vergleich zur Standardversorgung (C) bei älteren Patientinnen und Patienten auf internistischen Stationen (P) die Delir-Inzidenz (O)?“ Die Suche in zwei Datenbanken liefert insgesamt 842 Treffer (Identification). Nach Entfernen von 156 Duplikaten verbleiben 686 Datensätze für das Titel-Abstract-Screening (Screening); davon werden 611 wegen falscher Population, falschem Setting oder fehlendem Interventionsbezug ausgeschlossen. Die verbleibenden 75 Volltexte werden geprüft (Eligibility), wobei 61 weitere Studien ausgeschlossen werden – dokumentiert mit konkretem Ausschlussgrund je Studie, etwa „kein kontrolliertes Design“ oder „falsches Outcome“. Am Ende verbleiben 14 Studien für die Synthese (Included). Jede dieser vier Zahlen – 842, 686, 75, 14 – erscheint als eigener Kasten im PRISMA-Flussdiagramm, verbunden durch Pfeile, die die Ausschlussgründe an den jeweiligen Übergängen benennen.

Schritt 8: Limitationen und Aussagekraft ehrlich einordnen

Zum Abschluss werden die Grenzen der eigenen Übersichtsarbeit benannt – etwa die Beschränkung auf bestimmte Sprachen, ein begrenzter Suchzeitraum, die geringe Zahl eingeschlossener Studien oder methodische Schwächen der Primärstudien selbst. Diese Einordnung ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ein methodisch erwarteter Bestandteil jeder systematischen Übersichtsarbeit und wird von Gutachtenden ausdrücklich erwartet.

Wie viel Zeit sollte ich für eine systematische Übersichtsarbeit einplanen?

Für eine Bachelorarbeit ist ein realistischer Zeitrahmen vier bis sechs Wochen allein für Suche, Screening und Volltextprüfung, bevor die eigentliche Synthese und das Schreiben beginnen – deutlich mehr, als für eine klassische, nicht systematische Literaturarbeit üblich ist. Wer diesen Zeitbedarf unterschätzt, gerät häufig in der Screening-Phase in Verzug, weil die Volltextbeschaffung (etwa über Fernleihe für nicht frei zugängliche Artikel) selbst mehrere Tage dauern kann. Ein realistischer Zeitplan reserviert dafür bewusst Pufferzeit, statt die Bearbeitungszeit gleichmäßig auf alle Kapitel zu verteilen.

Wie stelle ich die Ergebnisse der Synthese im Text übersichtlich dar?

Bewährt hat sich eine Gliederung nach thematischen Unterkategorien statt nach einzelnen Studien: Wer etwa die Wirksamkeit unterschiedlicher Mobilisationsprotokolle untersucht, gruppiert die eingeschlossenen Studien nach Interventionstyp und beschreibt für jede Gruppe das übereinstimmende und das widersprüchliche Bild, statt Studie für Studie einzeln abzuhandeln. Eine begleitende Übersichtstabelle mit Studienautor, Jahr, Design, Stichprobengröße, Intervention und zentralem Ergebnis ergänzt den Fließtext und macht die Studienlage auf einen Blick erfassbar, ersetzt aber nicht die eigentliche inhaltliche Auseinandersetzung im Text.

Häufige Fragen zur systematischen Übersichtsarbeit in der Pflegewissenschaft

Wie viele Studien muss eine systematische Übersichtsarbeit mindestens einschließen?

Es gibt keine feste Mindestzahl; entscheidend ist ein transparentes, nachvollziehbares Suchprotokoll. Auch eine Übersichtsarbeit mit wenigen eingeschlossenen Studien ist methodisch vollwertig, solange die geringe Trefferzahl im Diskussionsteil eingeordnet wird.

Muss ich das Screening allein durchführen, oder brauche ich eine zweite Person?

Für eine Abschlussarbeit ist ein Einzelscreening üblich; ein zweites, unabhängiges Screening zumindest einer Stichprobe der Treffer verbessert die methodische Qualität und sollte, wo zeitlich möglich, ergänzt werden.

Welche Software eignet sich für das Screening und die Duplikatentfernung?

Referenzverwaltungsprogramme wie Zotero unterstützen die Duplikatentfernung; für das eigentliche Screening existieren spezialisierte, teils kostenlose Tools, die Titel und Abstract systematisch gegen Ein- und Ausschlusskriterien abarbeiten lassen. Für kleinere Reviews im Rahmen einer Bachelorarbeit reicht häufig auch eine sorgfältig geführte Tabellenkalkulation.

Reicht eine deutschsprachige Literatursuche für eine systematische Übersichtsarbeit aus?

In den meisten Fällen nicht – die internationale Pflegeforschung wird überwiegend englischsprachig publiziert, sodass eine ausschließlich deutschsprachige Suche zu einer erheblichen Verzerrung der Ergebnisse führt. Ein bewusster Sprachausschluss ist möglich, muss aber als Limitation offen benannt werden.

Was mache ich, wenn meine Suche tausende Treffer liefert?

Die Suchstrategie mit engeren Suchbegriffen oder zusätzlichen Filtern (Publikationsjahr, Studientyp) verfeinern, statt die Treffermenge manuell auf ein handhabbares Maß zu reduzieren – jede nachträgliche, nicht vorab dokumentierte Einschränkung untergräbt die Nachvollziehbarkeit der Suche.

Kann ich graue Literatur (Kongressbeiträge, Dissertationen) einschließen?

Ja, sofern das vorab im Suchprotokoll festgelegt wurde. Graue Literatur reduziert den Publikationsbias, weil auch nicht signifikante oder unauffällige Ergebnisse dort eher zugänglich sind als in begutachteten Fachzeitschriften – ihre methodische Qualität muss aber genauso geprüft werden wie bei jeder anderen eingeschlossenen Studie.

Wie aktuell müssen die eingeschlossenen Studien sein?

Es gibt keine allgemeingültige Altersgrenze; sie hängt von der Fragestellung ab. Bei schnelllebigen Themen (etwa digitale Pflegeinterventionen) ist ein enger Suchzeitraum von fünf bis zehn Jahren üblich, bei stabileren Konstrukten kann ein weiterer Zeitraum sinnvoll sein – die gewählte Grenze wird im Methodikteil begründet, nicht nur genannt.

Muss ich das PRISMA-Statement vollständig zitieren, wenn ich es anwende?

Ja, ein Verweis auf die PRISMA-2020-Publikation (Page et al., 2021) gehört ins Methodikkapitel, sobald das Flussdiagramm oder die Berichtsstruktur daran ausgerichtet wird – das ist ein etablierter Standard, kein informelles Werkzeug ohne Quellenangabe.

Kann ich eine systematische Übersichtsarbeit mit einem qualitativen Fokus schreiben?

Ja, dafür existiert eine eigene Variante mit angepasster Methodik zur Synthese qualitativer Studien; die grundlegende PRISMA-Logik zu Suche, Screening und Dokumentation gilt aber auch dort, nur die Synthesemethode am Ende unterscheidet sich von der narrativen oder statistischen Synthese quantitativer Studien.

Wie unterscheidet sich der Aufwand einer systematischen Übersichtsarbeit zwischen Bachelor- und Masterniveau?

Auf Masterniveau wird häufig ein doppeltes, unabhängiges Screening durch zwei Personen sowie eine ausführlichere Qualitätsbewertung erwartet; auf Bachelorniveau reicht in der Regel ein Einzelscreening mit transparent dokumentiertem Vorgehen, solange die Methodik insgesamt PRISMA-konform bleibt.

Fazit

Eine systematische Übersichtsarbeit in der Pflegewissenschaft lebt von der lückenlosen Dokumentation jedes Schritts – von der PICO-Frage über die vier PRISMA-Phasen bis zur Qualitätsbewertung der eingeschlossenen Studien. Wer diese Schritte in der genannten Reihenfolge durchläuft und konsequent protokolliert, hat die methodisch anspruchsvollste, aber auch am klarsten strukturierte Form der Literaturarbeit gemeistert.

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