Richtig gendern in der wissenschaftlichen Arbeit: Regeln, Formen und Beispiele 2026
Die Frage, wie man in einer Abschlussarbeit gendert, sorgt für mehr Verwirrung als so manches Methodenproblem. Genderstern, Doppelpunkt, neutrale Formulierungen oder das generische Maskulinum — je nach Universität, Fachbereich und Betreuer gibt es unterschiedliche Erwartungen. Dazu kommt die offizielle Position des Rats für deutsche Rechtschreibung, der Gendersonderzeichen bis heute nicht ins amtliche Regelwerk aufgenommen hat. Dieser Artikel schafft Klarheit: Was ist offiziell empfohlen, was ist an deutschen, österreichischen und Schweizer Universitäten üblich, und wie sicherst du die Konsistenz in deiner Arbeit?
Vorab das Wichtigste: Es gibt keine deutschlandweit einheitliche Pflicht zu einer bestimmten Genderform in wissenschaftlichen Arbeiten. Entscheidend sind die Vorgaben deiner Hochschule und — falls keine existieren — die Absprache mit deinem Betreuer.
Position des Rats für deutsche Rechtschreibung
Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist das offizielle Gremium, das die amtliche Rechtschreibung für Deutschland, Österreich und die Schweiz kodifiziert. Seine Position zum Gendern ist klar und wurde zuletzt 2021 bekräftigt und 2024 im aktualisierten Regelwerk bestätigt:
— Rat für deutsche Rechtschreibung, Beschluss vom 26. März 2021 (rechtschreibrat.com)
Das bedeutet: Genderstern (Studierende*r), Genderdoppelpunkt (Studierende:r) und Genderunterstrich (Studierende_r) sind nicht Teil der amtlichen deutschen Rechtschreibung. Sie stehen im Widerspruch zu den Grundregeln der deutschen Orthografie und können bei Prüfungsarbeiten, die eine korrekte Rechtschreibung voraussetzen, problematisch sein — es sei denn, die Hochschule hat sie ausdrücklich zugelassen oder gefordert.
Gleichzeitig betont der Rat, dass geschlechtergerechte Sprache ein gesellschaftliches Ziel ist, und empfiehlt die Verwendung von Formen, die innerhalb des bestehenden Regelwerks geschlechtergerecht sind — vor allem Paarschreibung und neutrale Formulierungen.
Offizielle Empfehlungen zur geschlechtergerechten Schreibung
Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat seine Empfehlungen zur geschlechtergerechten Schreibung zuletzt im Dezember 2023 überarbeitet. Die maßgebliche Fassung mit allen regelkonformen Formen ist frei abrufbar.
Quelle: Rat für deutsche Rechtschreibung — Geschlechtergerechte Schreibung: Empfehlungen
Die wichtigsten Genderformen im Überblick
| Form | Beispiel | Status | Empfehlung für Wiss. Arb. |
|---|---|---|---|
| Generisches Maskulinum | die Studierenden, der Autor | Regelkonform | Möglich, aber zunehmend kritisch bewertet |
| Paarschreibung | Studentinnen und Studenten; Autorinnen und Autoren | Regelkonform | Empfohlen vom Rechtschreibrat |
| Neutrale Formen | Studierende, Lehrende, Forschende | Regelkonform | Sehr empfohlen, elegant und klar |
| Genderstern | Student*innen, Autor*innen | Nicht regelkonform (amtl. RS) | Nur wenn Hochschule/Betreuer zustimmt |
| Genderdoppelpunkt | Student:innen, Autor:innen | Nicht regelkonform (amtl. RS) | Nur wenn Hochschule/Betreuer zustimmt |
| Schrägstrich-Variante | Student/-in, Autor/-in | Regelkonform (kein Sonderzeichen) | Akzeptabel, kann aber den Lesefluss stören |
Was Hochschulen empfehlen
Unterschiedliche Ansätze im DACH-Raum
Die Positionen deutscher, österreichischer und Schweizer Universitäten sind heterogen. Einige Beispiele:
- TU München: Das Leitbild der TU München befürwortet geschlechtergerechte Sprache. Für wissenschaftliche Arbeiten wird oft auf Neutralformen und Paarschreibung hingewiesen, ohne Sonderzeichen zu fordern.
- Humboldt-Universität Berlin: Veröffentlicht einen Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache, der neutrale Formulierungen und Paarschreibung empfiehlt und Gendersonderzeichen als optionale Ergänzung behandelt.
- Universität Wien: Die Universität Wien hat eine eigene Handreichung zur geschlechtersensiblen Sprache, die Genderstern und Doppelpunkt als akzeptabel einstuft — jedoch liegt die letzte Entscheidung bei den Prüfungsordnungen der einzelnen Studienrichtungen.
- ETH Zürich: Empfiehlt in Publikationen und wissenschaftlichen Texten geschlechtergerechte Sprache, ohne eine spezifische Form vorzuschreiben.
Praktische Anwendung in der wissenschaftlichen Arbeit
Die effektivste Strategie: Neutral-Formen priorisieren
Neutrale Substantivierungen wie Studierende, Forschende, Lehrende, Befragte, Teilnehmende sind die eleganteste Lösung: Sie sind grammatisch korrekt, vom Rechtschreibrat anerkannt, schließen alle Geschlechter ein und stören den Lesefluss nicht. Wo keine neutrale Form existiert, eignet sich Paarschreibung.
Wo neutrale Formen schwierig sind
Bei Berufsbezeichnungen wie „Arzt/Ärztin“, „Lehrer/Lehrerin“ oder „Geschäftsführer/-in“ ist Paarschreibung oft die bessere Lösung als der Versuch, eine neutrale Form zu erzwingen („die ärztliche Fachkraft“ klingt umständlich). Nutze Paarschreibung mit Schrägstrich oder ausgeschrieben — je nach Häufigkeit im Text. Bei sehr häufiger Nennung empfiehlt sich eine Fußnote oder ein Hinweis im Methodenteil: „Im vorliegenden Text wird die Paarschreibung verwendet. Alle Bezeichnungen gelten für alle Geschlechter.“
Zitate und Primärquellen
Wenn du aus Quellen zitierst, die eine bestimmte Form verwenden (z.B. generisches Maskulinum in einer Studie von 2010), übernimmst du die Originalform des Zitats unverändert. Du kannst in eckigen Klammern oder in einer Fußnote anmerken, dass die Formulierung von dir nicht generalisiert werden soll — das ist jedoch bei wörtlichen Zitaten selten nötig.
Konsistenz sichern
Der häufigste Gendering-Fehler in Abschlussarbeiten ist nicht die Wahl einer „falschen“ Form, sondern das inkonsistente Wechseln zwischen Formen. Eine Arbeit, die auf Seite 12 „Studentinnen und Studenten“ schreibt, auf Seite 24 „Student*innen“ und auf Seite 35 „der Student“ (generisch), wirkt methodisch nachlässig.
Checkliste für Konsistenz
- Wähle zu Beginn der Arbeit eine Form und dokumentiere sie im Methodenteil oder in einer Fußnote auf der ersten Seite.
- Erstelle eine persönliche „Gendering-Terminologieliste“ für häufig verwendete Begriffe in deiner Arbeit (z.B. Studierende, Lehrende, Teilnehmende).
- Nutze die Suche-Ersetzen-Funktion in Word oder LaTeX, um vor der finalen Abgabe auf Inkonsistenzen zu prüfen.
- Bitte eine zweite Person, die Arbeit gezielt auf Gendering-Inkonsistenzen zu lesen.
Wenn du deine Abschlussarbeit mit einem allgemeinen Leitfaden zur wissenschaftlichen Sprache verknüpfen möchtest, hilft der Artikel zur wissenschaftlichen Arbeit schreiben weiter. Für die formale Struktur und alle Pflichtbestandteile deiner Abschlussarbeit ist unser Leitfaden zur Bachelorarbeit die passende Ergänzung.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich in meiner Bachelorarbeit das generische Maskulinum verwenden?
Ja, das generische Maskulinum ist rechtschreibkonform. Es wird jedoch von vielen Betreuern und Hochschulen zunehmend kritisch gesehen, da es Frauen und nichtbinäre Personen sprachlich unsichtbar macht. Wenn du es verwendest, ist ein kurzer Hinweis („Die verwendeten männlichen Personenbezeichnungen gelten für alle Geschlechter“) empfehlenswert. Sicherer ist die Verwendung neutraler Formen oder Paarschreibung.
Kann der Betreuer Punkte abziehen, wenn ich einen Genderstern verwende?
Theoretisch ja — wenn die Prüfungsordnung korrekte Rechtschreibung vorschreibt und Sonderzeichen im Wortinneren nicht explizit erlaubt sind. In der Praxis ist ein Notenabzug allein wegen des Gendersterns selten, aber es kann als formaler Mangel vermerkt werden. Um Unsicherheiten zu vermeiden: Kläre das vorab mit dem Betreuer.
Was ist der Unterschied zwischen Genderstern und Genderdoppelpunkt?
Beide Zeichen dienen demselben Zweck — alle Geschlechteridentitäten einzuschließen. Der Doppelpunkt (Student:innen) hat gegenüber dem Stern (Student*innen) den praktischen Vorteil, dass er von Screenreadern für Blinde als kurze Pause gesprochen wird, was die Barrierefreiheit verbessert. Rechtschreibrechtlich haben beide denselben Status: Sie sind nicht Teil der amtlichen deutschen Rechtschreibung.
Muss ich in der Abschlussarbeit gendern?
Eine gesetzliche Pflicht zum Gendern in wissenschaftlichen Arbeiten gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht. Hochschulen und Fachbereiche können jedoch Empfehlungen oder Pflichten in ihrer Prüfungsordnung verankern. Die sichere Strategie: Hochschulleitlinien prüfen, Betreuer fragen, dann konsequent eine Variante durchhalten.
Wie gendere ich in englischsprachigen Teilen meiner Abschlussarbeit?
Im Englischen ist das singular „they“ (they/their für Personen unbekannten oder nichtbinären Geschlechts) seit Jahren etabliert und von allen großen Stilhandbüchern (APA 7, Chicago) empfohlen. Für englische Passagen verwende durchgängig „they“ statt „he or she“ oder abwechselndes „he“/“she“.
Fazit
Gendern in der wissenschaftlichen Arbeit ist kein Glaubenskrieg — es ist eine Frage der Klarheit, des Respekts und der methodischen Konsistenz. Der Rat für deutsche Rechtschreibung empfiehlt neutrale Formen und Paarschreibung, da Sonderzeichen nicht ins amtliche Regelwerk aufgenommen wurden. Für deine Abschlussarbeit gilt: Prüfe die Vorgaben deiner Hochschule, kläre es mit dem Betreuer, wähle eine Form — und wende sie konsequent durch die gesamte Arbeit an. Eine Fußnote auf der ersten Seite, die deine Wahl erklärt, schafft Transparenz und verhindert Missverständnisse. Den Überblick über alle sprachlichen Anforderungen an deine Abschlussarbeit findest du in unserem vollständigen Leitfaden zur Masterarbeit.

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