Dein Betreuer will nicht nur ein Thema, er will wissen, ob du es in zwölf Wochen mit einer Stichprobe aus einer einzigen Einrichtung tatsächlich untersuchen kannst. Genau das leistet das Exposé — und genau daran scheitern die meisten ersten Entwürfe in der Pflegewissenschaft: Das Thema ist zu groß, die Zielgruppe zu vage, der Zugang zum Praxisfeld ungeklärt. Diese Anleitung zeigt dir Schritt für Schritt, wie ein Exposé für eine Pflegewissenschaft-Bachelorarbeit aufgebaut ist, welche Kriterien Betreuerinnen und Betreuer beim Lesen anlegen, und liefert vier vollständig ausgearbeitete Beispiele aus unterschiedlichen Pflegebereichen.
Was ein Exposé in der Pflegewissenschaft leisten muss
Ein Exposé ist ein Vertragsangebot an deinen Betreuer oder deine Betreuerin: Du beschreibst, was du untersuchen willst, warum es für die Pflegepraxis relevant ist und wie du an Daten kommst. Anders als in vielen anderen Fächern reicht in der Pflegewissenschaft ein rein literaturbasiertes Interesse selten aus — die meisten Prüfungsordnungen erwarten einen erkennbaren Bezug zur pflegerischen Versorgungspraxis, selbst wenn die Arbeit am Ende als Literaturarbeit angelegt ist. Wer im Exposé nicht zeigt, dass Thema und Methode zusammenpassen, bekommt es in der Regel mit der Bitte um Überarbeitung zurück, bevor die eigentliche Bearbeitungszeit überhaupt beginnt.
Was ein Pflegewissenschaft-Exposé von anderen Fächern unterscheidet
In der BWL oder Kommunikationswissenschaft reicht oft ein Datensatz oder eine Sekundäranalyse. In der Pflegewissenschaft verlangt fast jedes Thema mit empirischem Anspruch den Zugang zu einer Station, einer ambulanten Einrichtung oder zu Angehörigen — also zu Menschen, die durch Krankheit, Alter oder Pflegebedürftigkeit als vulnerabel gelten. Das hat zwei Konsequenzen für dein Exposé: Erstens musst du früher als in anderen Fächern klären, ob eine Ethikkommission zustimmen muss. Zweitens erwarten Prüfer, dass du dein Thema an ein etabliertes Pflegemodell oder einen DNQP-Expertenstandard anbindest, statt es rein aus der allgemeinen Literatur herzuleiten.
Wie Betreuerinnen und Betreuer ein Exposé bewerten
Vier Kriterien entscheiden in der Praxis über Annahme oder Rückgabe: Machbarkeit — passt die Stichprobengröße zur Bearbeitungszeit von zwölf bis vierzehn Wochen? Feldzugang — ist plausibel dargelegt, dass die Einrichtung mitwirkt? Theoretische Fundierung — ist ein Pflegemodell oder Expertenstandard benannt, statt nur ein Alltagsbegriff? Eingrenzung der Forschungsfrage — lässt sich die Frage mit der gewählten Methode in der verfügbaren Zeit tatsächlich beantworten, oder wäre dafür eigentlich eine Längsschnittstudie nötig? Wer sein Exposé an diesen vier Punkten selbst prüft, bevor er es abgibt, vermeidet die häufigste Rückmeldung von Betreuenden: „Bitte konkretisieren.“
Bachelor- oder Master-Exposé: Wo liegt der Unterschied?
Ein Bachelor-Exposé in der Pflegewissenschaft bleibt meist bei einer deskriptiven oder explorativen Fragestellung mit einer Methode und einer Einrichtung. Ein Master-Exposé verlangt häufig zusätzlich eine methodische Innovation — etwa eine Methodentriangulation aus Interviews und Aktenanalyse — oder einen Vergleich zwischen zwei Einrichtungen oder Zeitpunkten. Wenn deine Prüfungsordnung eine Masterarbeit verlangt, sollte dein Exposé außerdem eine kurze Passage enthalten, die den eigenen wissenschaftlichen Mehrwert gegenüber bereits vorliegenden Studien zum Thema benennt — das wird auf Bachelorniveau in der Regel nicht erwartet.
Die sieben Bausteine eines Pflegewissenschaft-Exposés
1. Thema und Praxisrelevanz
Formuliere das Thema so eng, dass es in eine Zeile passt, und begründe in zwei bis drei Sätzen, warum es für die Pflegepraxis relevant ist — zum Beispiel über eine Versorgungslücke, eine neue Leitlinienempfehlung oder eine hohe Prävalenz auf einer bestimmten Station. „Sturzprophylaxe“ ist kein Thema, „Warum werden evidenzbasierte Sturzpräventionsmaßnahmen auf einer geriatrischen Station trotz etablierter Sturzrisikoeinschätzung inkonsequent umgesetzt?“ ist eines.
2. Problemstellung
Die Problemstellung erklärt die Lücke zwischen dem, was pflegewissenschaftlich bekannt ist, und dem, was in der Praxis tatsächlich passiert. Nenne mindestens eine Quelle, die die Versorgungslücke belegt — ein Qualitätsbericht, eine Leitlinie des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) oder eine aktuelle Studie. Vermeide es, hier bereits das Ergebnis vorwegzunehmen; die Problemstellung beschreibt eine offene Lücke, keine These.
3. Forschungsfrage und Zielsetzung
Eine gute Forschungsfrage ist mit der verfügbaren Zeit und Stichprobe beantwortbar. „Wie wirkt sich Sturzprophylaxe auf die Pflegequalität aus?“ ist zu breit für eine Bachelorarbeit. „Welche Barrieren benennen Pflegefachpersonen einer geriatrischen Station für die konsequente Anwendung der im DNQP-Expertenstandard empfohlenen multifaktoriellen Sturzrisikoeinschätzung?“ ist eingrenzbar und mit sechs bis zehn Interviews realistisch zu bearbeiten. Formuliere direkt darunter ein bis zwei konkrete Erkenntnisziele — was soll am Ende beantwortet oder empfohlen werden können.
4. Theoretischer Rahmen oder Pflegemodell
Ordne dein Thema einem anerkannten Pflegemodell oder einer Pflegetheorie zu — etwa dem Aktivitäten-des-täglichen-Lebens-Modell nach Roper, Logan und Tierney, Dorothea Orems Selbstpflegedefizit-Theorie oder, bei kommunikationsnahen Themen, Hildegard Peplaus Beziehungstheorie. Das Modell muss zur Fragestellung passen: Bei Sturzprophylaxe eignet sich ein Modell, das Mobilität und Risikoeinschätzung abbildet, eher als ein rein interaktionsbezogenes. Bei Themen zur Angehörigenberatung passt Peplau oft besser, weil sie die Pflegebeziehung selbst in den Mittelpunkt stellt.
5. Methodisches Vorgehen und Feldzugang
Lege fest, ob deine Arbeit als Literaturarbeit, als qualitative Erhebung (Interviews, Fokusgruppen) oder als quantitative Erhebung (Fragebogen, Aktenanalyse) angelegt ist. Als Faustregel: Willst du Barrieren, Einstellungen oder Erfahrungen verstehen, ist ein qualitatives Vorgehen passender; willst du Häufigkeiten, Zusammenhänge oder Prävalenzen messen, eignet sich ein quantitatives Design besser. Bei empirischen Arbeiten ist der Feldzugang der Punkt, an dem die meisten Exposés durchfallen: Kläre vor der Abgabe, ob eine Einrichtung dich überhaupt hereinlässt, ob die Pflegedienstleitung zustimmt und ob du eine Ethikkommission brauchst. Ein Satz wie „der Zugang zur Station wurde mit der Pflegedirektion mündlich vorbesprochen“ macht dein Exposé sofort glaubwürdiger als eine vage Absichtserklärung.
6. Zeitplan
Ein grober Zeitplan mit vier bis sechs Meilensteinen (Literaturarbeit, Erhebung, Auswertung, Rohfassung, Überarbeitung, Abgabe) reicht für das Exposé. Rechne für die Erhebungsphase in der Pflegewissenschaft realistisch zwei bis drei Wochen mehr ein als geplant — Dienstpläne, Schichtsysteme und Urlaubszeiten verzögern Interviewtermine fast immer, und Pflegefachpersonen im Schichtdienst sind schwerer verbindlich zu terminieren als etwa Büroangestellte in anderen Fachbereichen.
7. Vorläufiges Literaturverzeichnis
Acht bis zwölf Quellen genügen für das Exposé: der einschlägige DNQP-Expertenstandard, zwei bis drei aktuelle Studien (nicht älter als zehn Jahre, bei sich schnell wandelnden Themen nicht älter als fünf), die Primärquelle deines Pflegemodells und ein bis zwei methodische Standardwerke zu deinem gewählten Erhebungs- oder Auswertungsverfahren.
Vier vollständig ausgearbeitete Beispiel-Exposés
Die folgenden Kurzbeispiele sind als Lernvorlagen gedacht — Zahlen, Einrichtungsnamen und Ergebnisse sind Platzhalter, die du durch deine eigenen, belegten Angaben ersetzt. Sie zeigen, wie unterschiedlich ein Exposé je nach Teilgebiet der Pflege ausfallen kann, und warum die Methode jeweils zur Fragestellung passt.
Beispiel 1: Sturzprophylaxe auf einer geriatrischen Station
Forschungsfrage: Welche organisatorischen und personellen Barrieren benennen Pflegefachpersonen für die konsequente Anwendung des Sturzrisiko-Assessments?
Theoretischer Rahmen: Roper-Logan-Tierney-Modell, Aktivität „Sich bewegen können“.
Methodisches Vorgehen: Sechs leitfadengestützte Interviews mit examinierten Pflegefachpersonen, Auswertung nach der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.
Warum dieses Design: Barrieren lassen sich nicht zählen, sondern nur im Gespräch verstehen — deshalb qualitativ statt quantitativ.

Beispiel 2: Wundmanagement bei chronischen Wunden
Forschungsfrage: Inwiefern beeinflusst die Einführung eines standardisierten Wunddokumentationsbogens die Dokumentationsvollständigkeit auf einer chirurgischen Station?
Theoretischer Rahmen: Donabedians Struktur-Prozess-Ergebnis-Modell, da hier ein Strukturmerkmal (der Bogen) auf einen Prozess (Dokumentation) wirken soll.
Methodisches Vorgehen: Quantitative Vorher-Nachher-Aktenanalyse an 40 anonymisierten Dokumentationen, deskriptive Auswertung.
Warum dieses Design: Dokumentationsvollständigkeit ist ein zählbares Merkmal — ein Vorher-Nachher-Vergleich macht die Wirkung des Bogens direkt sichtbar, ohne dass Patienten befragt werden müssen.
Beispiel 3: Schmerzmanagement bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz
Forschungsfrage: Welche nonverbalen Schmerzindikatoren berücksichtigen Pflegefachpersonen einer stationären Altenpflegeeinrichtung bei der Schmerzeinschätzung mit dem BESD-Instrument?
Theoretischer Rahmen: Orems Selbstpflegedefizit-Theorie, angewandt auf das Defizit der Selbstauskunft bei fortgeschrittener Demenz.
Methodisches Vorgehen: Teilnehmende Beobachtung kombiniert mit vier Kurzinterviews, Auswertung strukturierend-qualitativ.
Warum dieses Design: Menschen mit fortgeschrittener Demenz können ihren Schmerz oft nicht mehr verbal mitteilen — die Beobachtung der Pflegefachpersonen ist daher die eigentliche Datenquelle, das Interview liefert nur den Kontext.
Beispiel 4: Angehörigenberatung in der ambulanten Pflege
Forschungsfrage: Wie erleben pflegende Angehörige die Beratungsgespräche mit examinierten Pflegefachpersonen eines ambulanten Pflegedienstes?
Theoretischer Rahmen: Peplaus interpersonale Beziehungstheorie.
Methodisches Vorgehen: Fünf problemzentrierte Interviews mit pflegenden Angehörigen, rekrutiert über den Pflegedienst.
Warum dieses Design: Erleben ist per Definition subjektiv und lässt sich nur in einem offenen, problemzentrierten Gespräch erfassen, nicht über einen standardisierten Fragebogen.

Checkliste vor der Abgabe deines Exposés
- Ist die Forschungsfrage mit sechs bis zehn Interviews oder einer vergleichbaren Stichprobe in zwölf Wochen beantwortbar?
- Ist ein Pflegemodell oder ein DNQP-Expertenstandard als Rahmen genannt und begründet?
- Ist der Feldzugang mündlich vorbesprochen und im Exposé erwähnt?
- Ist geklärt, ob ein Ethikvotum nötig ist, und ist dieser Schritt im Zeitplan berücksichtigt?
- Sind alle Quellen im vorläufigen Literaturverzeichnis nicht älter als zehn Jahre (Ausnahme: die Primärquelle des Pflegemodells)?
- Ist für den Fall einer Absage der Wunscheinrichtung eine Alternative benannt?
Häufige Fehler im Pflegewissenschaft-Exposé
- Thema ohne Eingrenzung: „Digitalisierung in der Pflege“ statt eines konkreten Anwendungsfalls auf einer bestimmten Station oder in einem bestimmten Setting.
- Ungeklärter Feldzugang: Empirisches Vorgehen geplant, aber keine Einrichtung angefragt — der häufigste Grund für eine Rückweisung.
- Fehlendes Pflegemodell: Die Arbeit bleibt ohne theoretischen Anker, was Prüfer als methodische Schwäche werten.
- Zu ambitionierte Stichprobe: Zwanzig Interviews sind in einer zwölfwöchigen Bachelorarbeit kaum sauber auswertbar.
- Kein Bezug zu bestehenden Standards: Ein Thema ohne Verweis auf den passenden DNQP-Expertenstandard wirkt unvorbereitet.
- Ethikfrage ausgeblendet: Wer Patienten, Bewohner oder Angehörige befragt, muss die Ethikfrage im Exposé mindestens ansprechen, auch wenn die formale Beantragung erst später folgt.
FAQ zum Pflegewissenschaft-Exposé
Wie lang muss ein Exposé für die Pflegewissenschaft-Bachelorarbeit sein?
Zwei bis vier Seiten sind an den meisten Hochschulen üblich. Prüfe die konkrete Vorgabe deines Lehrstuhls, da einige Studiengänge ein einseitiges Kurzexposé vor dem ausführlichen Exposé verlangen.
Brauche ich für mein Exposé bereits ein Ethikvotum?
Nein, das Exposé beschreibt nur, dass und wie du ein Ethikvotum einholen wirst, falls dein Thema es erfordert. Die eigentliche Beantragung läuft meist parallel zur ersten Bearbeitungsphase.
Muss ich mich bereits vor dem Exposé für eine Einrichtung entschieden haben?
Eine grobe Zusage ist sinnvoll, eine schriftliche Bestätigung meist noch nicht nötig. Ein Satz zur vorbesprochenen Zugänglichkeit reicht in den meisten Exposés aus.
Welches Pflegemodell eignet sich für ein quantitatives Thema?
Donabedians Struktur-Prozess-Ergebnis-Modell eignet sich besonders gut für quantitative Vorher-Nachher-Designs, weil es Struktur-, Prozess- und Ergebnisebene klar trennt und sich so direkt in messbare Variablen übersetzen lässt.
Was, wenn meine gewünschte Einrichtung absagt?
Plane von Anfang an eine zweite, ähnliche Einrichtung als Alternative ein und erwähne diese Rückfalloption im Exposé — das signalisiert Betreuern, dass dein Zeitplan nicht von einer einzigen Zusage abhängt.
Reicht eine Literaturarbeit ohne eigene Erhebung?
Ja, sofern dein Studiengang das zulässt. Auch eine Literaturarbeit braucht im Exposé eine klare Forschungsfrage, ein methodisches Vorgehen für die Literatursuche (Datenbanken, Suchstrategie, Ein- und Ausschlusskriterien) und einen theoretischen Rahmen.
Wie unterscheidet sich das Exposé vom späteren Einleitungskapitel?
Das Exposé ist ein Planungsdokument vor Beginn der Arbeit und wird nicht Teil der fertigen Bachelorarbeit. Die spätere Einleitung greift Problemstellung und Forschungsfrage zwar inhaltlich wieder auf, ist aber ausführlicher, bereits mit Literatur unterlegt und für Leserinnen und Leser der fertigen Arbeit geschrieben, nicht für den Betreuer als Planungsinstanz.
Vom Exposé zur fertigen Gliederung mit Tesify
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Mehr zum allgemeinen Aufbau eines Exposés findest du hier: Exposé Bachelorarbeit schreiben: Aufbau, Inhalt und Beispiele. Einen Überblick über Themen und fachliche Besonderheiten der Pflegewissenschaft-Bachelorarbeit gibt dieser Artikel: Bachelorarbeit Pflegewissenschaft: Themen, Aufbau und fachliche Besonderheiten. Für den theoretischen Rahmen lohnt sich dieser Vergleich: Theoretische Modelle für Pflege- und Gesundheitsarbeiten. Wie du den Methodikteil danach ausformulierst, erklärt: Methodik-Teil einer Pflegewissenschaft-Abschlussarbeit schreiben. Und zum Feldzugang im Detail: Stichprobe und Zugang für die Pflegewissenschaft-Abschlussarbeit.
