Der Beitrag zum wissenschaftlichen Umschreiben eines Textes erklärt Nominalstil und Substantivitis fachübergreifend, ohne auf die medizinspezifischen Register-Konventionen einzugehen. Eine medizinische Doktorarbeit hat jedoch eigene, historisch gewachsene Regeln für Fachterminologie, Maßeinheiten und Zeitform, die sich von anderen Naturwissenschaften unterscheiden, und diese Regeln sind für Gutachtende ein spürbares Signal fachlicher Sorgfalt. Dieser Beitrag entwickelt diese Regeln systematisch.
Warum das medizinische Fachregister eigene Regeln hat
Die medizinische Fachsprache ist stärker standardisiert als die vieler anderer Disziplinen, weil sie international einheitlich verständlich sein muss – ein anatomischer Befund oder eine Medikamentendosierung darf nicht durch uneinheitliche Terminologie missverständlich werden. Für eine Doktorarbeit bedeutet das: Wo andere Fächer Spielraum für individuelle Formulierungen lassen, verlangt die Medizin an mehreren Stellen die Verwendung fest etablierter, oft international genormter Begriffe und Schreibweisen. Diese Standardisierung hat historische Gründe: Im späten 19. Jahrhundert waren für die Strukturen des menschlichen Körpers je nach anatomischer Schule und nationaler Tradition rund 30.000 unterschiedliche Bezeichnungen in Gebrauch, was die internationale wissenschaftliche Kommunikation erheblich erschwerte und den Anstoß für die spätere Vereinheitlichung gab.
Fachterminologie: Terminologia Anatomica statt veralteter Nomina Anatomica
Für anatomische Bezeichnungen gilt seit 1998 die Terminologia Anatomica (TA) als internationaler Standard. Ihre erste Auflage entwickelte das Federative Committee on Anatomical Terminology (FCAT) gemeinsam mit der International Federation of Associations of Anatomists (IFAA); heute betreut sie das Federative International Programme on Anatomical Terminology (FIPAT), der Nachfolger des FCAT. Sie löste die Nomina Anatomica ab, die von 1895 bis 1998 als internationaler Standard für die menschliche Anatomie galt. Eine zweite, überarbeitete Auflage der Terminologia Anatomica erschien 2019 und wurde 2020 von der IFAA-Generalversammlung verabschiedet. Für eine Doktorarbeit bedeutet das konkret: Anatomische Bezeichnungen sollten sich an der aktuellen Terminologia Anatomica orientieren, nicht an älteren, teils noch in der klinischen Praxis kursierenden Bezeichnungen aus der Nomina Anatomica – ein Unterschied, der Gutachtenden mit anatomischem Hintergrund häufig auffällt.
Wer in der Arbeit neben dem lateinischen Terminus auch eine deutsche Bezeichnung verwendet, sollte die Zuordnung beim ersten Auftreten klar herstellen, etwa „Musculus biceps brachii (zweiköpfiger Oberarmmuskel)“, und im weiteren Verlauf konsequent bei einer der beiden Formen bleiben, statt zwischen lateinischer und deutscher Bezeichnung zu wechseln.
Arzneimittel benennen: INN (Freiname) statt Handelsname
Für Arzneistoffe gilt der International Nonproprietary Name (INN), auf Deutsch auch Freiname genannt, als bevorzugte Bezeichnung in wissenschaftlichen Texten. Das INN-System wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwaltet, die das Verfahren 1953 eingeführt hat; die Liste umfasst inzwischen mehrere Tausend Namen und wird laufend um neue Wirkstoffe ergänzt. Ein zentrales Merkmal: Pharmakologisch verwandte Wirkstoffe teilen einen gemeinsamen Wortstamm, sodass Fachpersonal allein am Namen erkennen kann, zu welcher Substanzklasse ein Wirkstoff gehört – etwa die Endung „-olol“ für Betablocker. Für eine Doktorarbeit gilt deshalb: Der Freiname (etwa „Metoprolol“) sollte im Fließtext verwendet werden, der Handelsname (etwa ein konkretes Markenpräparat) nur dann, wenn die konkrete Formulierung oder ein spezifisches Präparat für den Kontext relevant ist – und dann in Klammern ergänzend zum Freinamen, nicht als alleinige Bezeichnung.
Neben der Endung „-olol“ für Betablocker gibt es zahlreiche weitere etablierte INN-Wortstämme, etwa „-pril“ für ACE-Hemmer oder „-statin“ für Cholesterinsenker. Für eine Doktorarbeit, die mehrere Wirkstoffe einer Substanzklasse vergleicht, lohnt sich ein kurzer Hinweis auf diese Stammkonvention im Methodik- oder Theorieteil, da sie die Systematik der behandelten Wirkstoffgruppe für Lesende transparent macht.

Maßeinheiten: SI-Einheiten in der Medizin
Für Laborwerte gilt in der wissenschaftlichen Literatur grundsätzlich das internationale Einheitensystem (SI), etwa mmol/l für Blutzuckerwerte, während in der klinischen Praxis mancher Länder – insbesondere im US-amerikanischen Raum – noch die nicht-SI-konforme Einheit mg/dl gebräuchlich ist. Für eine deutsche medizinische Doktorarbeit bedeutet das: SI-Einheiten sind Standard, und wenn eine Quelle mit einer nicht-SI-konformen Einheit zitiert wird, sollte der Wert für die eigene Arbeit umgerechnet oder zumindest die SI-Einheit ergänzend in Klammern angegeben werden, um Verwechslungen zu vermeiden – ein Fehler, der bei der Übernahme internationaler, insbesondere US-amerikanischer Literatur besonders leicht passiert.

Auch bei anderen häufig zitierten Laborwerten lohnt sich Aufmerksamkeit: Kreatinin wird international teils in mg/dl, teils in µmol/l angegeben, und Cholesterinwerte erscheinen in älteren oder US-amerikanischen Quellen häufig in mg/dl statt in der SI-konformen Einheit mmol/l. Eine konsequente Einheitentabelle im Anhang der Arbeit, die die wichtigsten verwendeten Umrechnungsfaktoren dokumentiert, erleichtert es Gutachtenden, die Werte nachzuvollziehen, ohne selbst nachrechnen zu müssen.
Zeitform im Methodik- und Ergebnisteil
Für die Zeitform gilt in medizinischen Arbeiten dieselbe grundlegende Konvention wie in anderen empirischen Fächern: Der Methodik- und Ergebnisteil wird im Präteritum verfasst, weil die beschriebene Datenerhebung und -auswertung bereits abgeschlossen ist, während die Diskussion und die Einordnung in den aktuellen Forschungsstand im Präsens formuliert werden, da wissenschaftliche Erkenntnisse als fortwährend gültig dargestellt werden. Die vollständige Regel zur Zeitform in unterschiedlichen Kapiteln einer Abschlussarbeit erklärt der Beitrag zur Zeitform in der Abschlussarbeit, der die Regel kapitelweise und mit Beispielen durchgeht.
Abkürzungen und Fachbegriffe korrekt einführen
Medizinische Abkürzungen wie KHK (koronare Herzkrankheit), COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) oder EKG (Elektrokardiogramm) sollten beim ersten Auftreten im Fließtext ausgeschrieben und in Klammern mit der Abkürzung eingeführt werden, danach konsequent in Abkürzungsform verwendet werden. Besondere Vorsicht ist bei Abkürzungen geboten, die in unterschiedlichen Teilgebieten der Medizin verschiedene Bedeutungen tragen können – etwa „MS“ für Multiple Sklerose in der Neurologie, aber für Massenspektrometrie in der Labormedizin. Im Zweifel sollte eine mehrdeutige Abkürzung auch nach der Einführung gelegentlich wieder ausgeschrieben werden, wenn der Kontext wechselt. Auch lateinische Fachbegriffe, die im klinischen Alltag oft abgekürzt verwendet werden – etwa „p.o.“ für „per os“ (oral einzunehmen) oder „i.v.“ für „intravenös“ –, sollten in einer wissenschaftlichen Arbeit beim ersten Vorkommen ausgeschrieben oder zumindest in einem Abkürzungsverzeichnis aufgeführt werden, auch wenn sie in der klinischen Kommunikation als selbstverständlich gelten.
Zitierstil in der Medizin
In der Medizin und den Naturwissenschaften ist der Vancouver-Zitierstil weit verbreitet, ein numerisches System, bei dem Quellen fortlaufend nummeriert werden, statt Autor und Jahr im Text zu nennen. Die Unterschiede zwischen Vancouver, IEEE und den autorbasierten Stilen wie APA erklärt der Beitrag zur Vancouver- und IEEE-Zitierweise. Für den passenden Promotionstyp und die methodische Einordnung der eigenen Arbeit liefert der Beitrag zur Doktorarbeit in der Medizin einen Überblick über experimentelle, klinische und statistische Promotionstypen, während der Beitrag zur Methodik der medizinischen Doktorarbeit die methodische Ausarbeitung Schritt für Schritt begleitet.
Ein durchgearbeitetes Beispiel: von der Rohfassung zur registergerechten Formulierung
Ein typischer erster Entwurf könnte lauten: „Der Patient bekam Beloc gegen seinen zu hohen Blutdruck, sein Blutzucker lag bei 126 mg/dl.“ Registergerecht umformuliert lautet der Satz: „Die Patientin oder der Patient erhielt Metoprolol zur Behandlung der arteriellen Hypertonie; der Nüchternblutzucker betrug 7,0 mmol/l.“ Diese Überarbeitung zeigt exemplarisch drei der besprochenen Konventionen zugleich: den Freinamen statt Handelsnamen, die SI-Einheit statt der US-amerikanischen Einheit, und eine neutralere, fachsprachlich präzisere Formulierung der Diagnose statt einer umgangssprachlichen Beschreibung.
Ein zweites Beispiel zeigt die Zeitform-Konvention: Ein Methodikabschnitt formuliert korrekt im Präteritum: „Es wurden 84 Patientinnen und Patienten eingeschlossen, und der Nüchternblutzucker wurde zu drei Zeitpunkten bestimmt.“ Der zugehörige Diskussionsabschnitt wechselt dagegen ins Präsens: „Diese Befunde stehen im Einklang mit der bestehenden Evidenz, dass eine frühzeitige Intervention den Blutzuckerverlauf günstig beeinflusst.“ Der Wechsel markiert den Übergang von der Beschreibung der eigenen, abgeschlossenen Untersuchung zur Einordnung in fortwährend gültige wissenschaftliche Aussagen.
Wie gehe ich mit englischsprachigen Fachbegriffen um, für die es keine gängige deutsche Entsprechung gibt?
In manchen Teilgebieten der Medizin, etwa in der Onkologie oder der Intensivmedizin, hat sich ein englischer Fachbegriff so weit durchgesetzt, dass eine deutsche Übersetzung unüblich oder sogar missverständlich wäre. In diesem Fall ist es akzeptabel, den englischen Begriff zu übernehmen, sollte aber beim ersten Auftreten kurz erläutert werden, insbesondere wenn die Arbeit auch von fachfremden Personen im Promotionsausschuss gelesen wird. Wichtig ist Konsistenz: Wird ein Begriff einmal auf Englisch übernommen, sollte er durchgängig in dieser Form verwendet werden, statt im Verlauf der Arbeit zwischen deutscher und englischer Fassung zu wechseln.
Typische Fehler beim medizinischen Schreibstil
- Veraltete anatomische Bezeichnungen aus der Nomina Anatomica verwenden. Auch wenn manche ältere Bezeichnungen noch in klinischen Lehrbüchern kursieren, sollte sich die Doktorarbeit an der aktuellen Terminologia Anatomica orientieren.
- Handelsnamen statt Freinamen im Fließtext verwenden. Der INN sollte die primäre Bezeichnung sein; ein Handelsname wird nur ergänzend genannt, wenn die konkrete Formulierung relevant ist.
- Nicht-SI-konforme Einheiten unkommentiert übernehmen. Werte aus US-amerikanischer Literatur in mg/dl sollten für eine deutsche Arbeit in SI-Einheiten umgerechnet oder zumindest ergänzt werden.
- Mehrdeutige Abkürzungen ohne Kontextprüfung verwenden. Abkürzungen wie „MS“ können je nach Fachgebiet unterschiedliche Bedeutungen haben und sollten bei Kontextwechsel erneut ausgeschrieben werden.
- Zeitform zwischen Methodik und Diskussion vermischen. Der durchgängige Wechsel zwischen Präteritum für abgeschlossene Erhebungen und Präsens für allgemeingültige Aussagen sollte konsequent eingehalten werden.
Häufige Fragen zum wissenschaftlichen Schreibstil in der Medizin-Doktorarbeit
Muss ich die Terminologia Anatomica für jede anatomische Bezeichnung verwenden?
Ja, für eine wissenschaftliche Arbeit ist die aktuelle Terminologia Anatomica der Standard, auch wenn ältere Bezeichnungen aus der Nomina Anatomica in der klinischen Praxis teils noch gebräuchlich sind.
Was ist der Unterschied zwischen INN und Handelsname?
Der INN (Freiname) ist die international standardisierte, von der WHO vergebene Bezeichnung eines Wirkstoffs, während der Handelsname ein markenrechtlich geschütztes Produkt eines bestimmten Herstellers bezeichnet.
Warum teilen verwandte Arzneistoffe oft einen ähnlichen Namensstamm?
Das INN-System vergibt pharmakologisch verwandten Substanzen bewusst einen gemeinsamen Wortstamm, damit Fachpersonal die Zugehörigkeit zu einer Wirkstoffklasse bereits am Namen erkennen kann.
Sollte ich Laborwerte in mmol/l oder mg/dl angeben?
Für eine deutsche wissenschaftliche Arbeit gelten SI-Einheiten wie mmol/l als Standard. Werte aus Quellen mit nicht-SI-konformen Einheiten sollten umgerechnet oder ergänzend angegeben werden.
In welcher Zeitform schreibe ich den Ergebnisteil einer medizinischen Doktorarbeit?
Im Präteritum, da die beschriebene Datenerhebung und -auswertung bereits abgeschlossen ist. Die Diskussion und Einordnung in den Forschungsstand wird dagegen im Präsens formuliert.
Muss ich medizinische Abkürzungen bei jedem Auftreten ausschreiben?
Nein. Beim ersten Auftreten wird die Abkürzung ausgeschrieben und eingeführt, danach wird sie konsequent verwendet – außer bei mehrdeutigen Abkürzungen, die bei einem Kontextwechsel erneut ausgeschrieben werden sollten.
Welcher Zitierstil ist in der Medizin üblich?
Der numerische Vancouver-Stil ist in der Medizin und den Naturwissenschaften weit verbreitet und unterscheidet sich grundlegend von autorbasierten Stilen wie APA.
Woher kommt die starke Standardisierung der medizinischen Fachsprache?
Sie geht auf das späte 19. Jahrhundert zurück, als für die Strukturen des menschlichen Körpers je nach Schule und Land rund 30.000 unterschiedliche Bezeichnungen im Umlauf waren – ein Zustand, der die internationale Verständigung erheblich erschwerte und 1895 zur ersten Nomina Anatomica führte.
Sollte ich eine Einheitentabelle für abweichende Laborwerte in den Anhang aufnehmen?
Das ist empfehlenswert, besonders wenn mehrere Werte wie Kreatinin oder Cholesterin aus Quellen mit unterschiedlichen Einheitensystemen stammen. Eine Umrechnungstabelle im Anhang erleichtert Gutachtenden die Nachvollziehbarkeit erheblich.
Muss ich lateinische Abkürzungen wie „p.o.“ oder „i.v.“ in meiner Arbeit ausschreiben?
Beim ersten Vorkommen sollten sie ausgeschrieben oder in einem Abkürzungsverzeichnis aufgeführt werden, auch wenn sie im klinischen Alltag als selbstverständlich gelten – eine wissenschaftliche Arbeit sollte auch für fachfremde Gutachtende nachvollziehbar bleiben.
Darf ich einen englischen Fachbegriff übernehmen, wenn es keine gängige deutsche Übersetzung gibt?
Ja, das ist akzeptabel, sollte aber beim ersten Auftreten kurz erläutert werden. Wichtig ist, den Begriff danach konsequent in derselben Form zu verwenden, statt zwischen deutscher und englischer Fassung zu wechseln.
Fazit
Der wissenschaftliche Schreibstil in der Medizin folgt eigenen, international standardisierten Konventionen, die über die allgemeinen Regeln des wissenschaftlichen Schreibens hinausgehen: die aktuelle Terminologia Anatomica für anatomische Begriffe, der INN für Arzneistoffe, SI-Einheiten für Laborwerte und eine klare Zeitform-Trennung zwischen Methodik und Diskussion. Wer diese vier Konventionen konsequent einhält, vermeidet die Fehler, die Gutachtende mit medizinischem Fachhintergrund am schnellsten als mangelnde Fachvertrautheit lesen, und legt damit ein solides Fundament für den weiteren Verlauf der Promotion.
