Der Text ist fertig, der Inhalt stimmt, und am Rand steht in drei Kapiteln dieselbe Bemerkung: „zu umgangssprachlich“, „bitte wissenschaftlicher formulieren“, „Stil“. Was fehlt, ist die Regel dahinter. Man weiß, dass etwas nicht passt, aber nicht, welcher Hebel bewegt werden muss — und schreibt dann, im Zweifel, alles in Substantive um. Das Ergebnis ist regelmäßig schlechter als der Ausgangstext: grammatisch korrekt, formal akademisch, und nach zwei Absätzen unlesbar.
Wissenschaftssprache ist kein Register, das man durch Aufblähen erreicht. Sie besteht aus drei überprüfbaren Eigenschaften, und der Nominalstil ist eines von mehreren Werkzeugen, um sie herzustellen — nicht das Ziel. Dieser Beitrag beschreibt, was „nicht wissenschaftlich genug“ tatsächlich bedeutet, wofür Nominalisierungen gut sind, woran ihr Übermaß zu erkennen ist und mit welchem Verfahren sich ein einzelner Satz umschreiben lässt.
Was „nicht wissenschaftlich genug“ tatsächlich meint
Die Bemerkung fasst drei ganz verschiedene Ebenen zusammen, die unterschiedliche Eingriffe verlangen.
- Lexik. Einzelne Wörter stammen aus der gesprochenen Sprache: eigentlich, ziemlich, halt, echt, quasi, jede Menge. Das ist die einfachste Ebene — sie wird durch Streichen oder Ersetzen behoben.
- Präzision. Formulierungen wie „viele Studien zeigen“, „in letzter Zeit“ oder „relativ hoch“ sind nicht umgangssprachlich, sondern unbelegbar. Sie werden nicht ersetzt, sondern mit einer Zahl, einem Zeitraum oder einem Bezugswert gefüllt.
- Haltung. Der Text bewertet, wo er beschreiben soll, oder behauptet, wo er belegen soll. Diese Ebene lässt sich nicht durch Wortwahl reparieren; sie betrifft den Aufbau des Absatzes.
Nur die erste Ebene ist ein Wortschatzproblem. Die zweite und dritte sind Argumentationsprobleme, die sich als Stilprobleme melden — der Grund, warum reines Umformulieren die Randbemerkung selten verschwinden lässt. Welche Alltagsformulierungen konkret betroffen sind, listet der Beitrag zu den typischen Fehlern der wissenschaftlichen Sprache auf; dort ist der Nominalstil ein Punkt unter vielen. Hier ist er das Thema.
Der Nominalstil ist ein Werkzeug mit vier Aufgaben
Nominalisierung bedeutet, dass eine Handlung nicht als Verb, sondern als Substantiv erscheint: nicht „die Mitarbeitenden werden befragt“, sondern „die Befragung der Mitarbeitenden“. In der Wissenschaftssprache erfüllt das vier Aufgaben, die sich anders nicht ohne Weiteres erledigen lassen.
- Verdichtung. Ein nominalisierter Vorgang lässt sich als Satzglied weiterverwenden, ohne dass ein Nebensatz nötig wird. „Nach der Bereinigung der Daten“ ersetzt „nachdem die Daten bereinigt worden waren“.
- Anschluss. Was im vorigen Satz gesagt wurde, wird im nächsten zum Substantiv und damit zum Ausgangspunkt: „Die Antwortquote sank. Dieser Rückgang …“. Ohne Nominalisierung müsste der ganze Sachverhalt wiederholt werden.
- Terminologie. Fachbegriffe sind fast immer Substantive. „Operationalisierung“, „Reliabilität“, „Selbstwirksamkeit“ sind keine Stilentscheidungen, sondern Namen.
- Sachbezug ohne Passivkette. Ein nominalisierter Vorgang braucht kein Subjekt und zwingt trotzdem nicht in ein drittes Passiv im selben Absatz.
Wer Nominalisierungen pauschal streicht, verliert alle vier Funktionen. Die Frage ist deshalb nie „Substantiv oder Verb?“, sondern: Erfüllt dieses Substantiv eine der vier Aufgaben — oder steht es nur da, weil es akademischer aussieht?
Substantivitis: die vier Auslöser

1. Die -ung-Kette
Drei oder mehr Wörter auf -ung in einem Satz. „Die Untersuchung der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Motivation“ enthält drei Vorgänge, von denen keiner ein Verb ist. Suche im Dokument nach -ung und markiere jeden Satz mit mehr als zwei Treffern.
2. Die Genitivkette
„Die Analyse der Ergebnisse der Befragung der Studierenden des dritten Semesters.“ Ab dem dritten Genitiv verliert die Leserin die Zuordnung, weil unklar wird, welches Substantiv zu welchem gehört. Zwei Genitive hintereinander sind die praktische Obergrenze; alles Weitere wird zur Präpositionalphrase oder zum Nebensatz.
3. Das Funktionsverbgefüge
Ein inhaltsleeres Verb trägt ein bedeutungsschweres Substantiv: zur Anwendung bringen, eine Überprüfung durchführen, Berücksichtigung finden. Das eigentliche Verb steckt im Substantiv, und das grammatische Verb tut nichts. Diese Konstruktionen sind nicht falsch — im Verwaltungs- und Rechtsdeutsch sind sie üblich —, aber in Reihe erzeugen sie den Eindruck, ein Text weiche der Aussage aus.
4. Das Zentralverb ist verschwunden
Der stärkste Indikator: Das Hauptverb des Satzes ist sein, werden, erfolgen, stattfinden oder vornehmen. „Die Auswertung der Daten erfolgte mittels SPSS“ — die Handlung ist auswerten, das Verb ist erfolgen. Sätze mit erfolgen lassen sich fast immer verbessern, indem das Substantiv wieder zum Verb wird.
Die Streichliste: Funktionsverbgefüge und ihre Verben
| statt | schreibe |
|---|---|
| zur Anwendung bringen / Anwendung finden | anwenden / angewendet werden |
| eine Überprüfung durchführen | überprüfen |
| die Durchführung einer Befragung vornehmen | befragen |
| eine Aussage treffen über | aussagen über / feststellen |
| Berücksichtigung finden | berücksichtigt werden |
| zum Einsatz kommen | eingesetzt werden / dienen |
| eine Entscheidung treffen | entscheiden |
| unter Beweis stellen | belegen / nachweisen |
| in Erfahrung bringen | ermitteln |
| eine Erhöhung erfahren | steigen / zunehmen |
| zur Verfügung stellen | bereitstellen |
| die Auswertung erfolgte mittels | ausgewertet wurde mit |
Zwei Einträge dieser Liste in einem Absatz sind unauffällig. Fünf in einem Absatz sind der Grund für die Randbemerkung.
Umschreiben in fünf Zügen
Das Verfahren gilt für einen einzelnen Satz und dauert etwa eine Minute. Es funktioniert in beide Richtungen — es macht einen überladenen Satz leichter und einen umgangssprachlichen Satz sachlich.
- Finde das Hauptverb. Ist es sein, werden, erfolgen, stattfinden, durchführen oder vornehmen, steckt die eigentliche Handlung in einem Substantiv.
- Gib die Handlung dem Verb zurück. „Die Auswertung erfolgte mittels SPSS“ wird zu „Die Daten wurden mit SPSS ausgewertet“.
- Kläre, wer handelt. Jetzt wird sichtbar, ob ein Handelnder genannt werden muss. Die Entscheidung zwischen Passiv, unpersönlicher Konstruktion und erster Person ist eine eigene, kapitelabhängige Frage — der Beitrag zur Ich-Form in der Bachelorarbeit nennt die Fälle, in denen sie zulässig ist.
- Löse die Genitivkette auf. Höchstens zwei Genitive hintereinander; der Rest wird Präpositionalphrase („zu“, „bei“, „unter“) oder ein Relativsatz.
- Schütze die Terminologie. Was Fachbegriff ist, bleibt Substantiv, auch wenn es auf -ung endet. „Operationalisierung“ wird nicht zu „wie ich das messbar gemacht habe“.
Acht Sätze, vorher und nachher
| Ausgangssatz | umgeschrieben | Eingriff |
|---|---|---|
| Die Auswertung der Daten erfolgte mittels SPSS. | Die Daten wurden mit SPSS ausgewertet. | Zentralverb zurück |
| Ich fand es ziemlich überraschend, dass so wenige geantwortet haben. | Die Rücklaufquote lag mit 18 % unter dem erwarteten Wert. | Lexik und Präzision |
| Viele Studien zeigen, dass Feedback wichtig ist. | Drei Metaanalysen weisen einen positiven Zusammenhang zwischen Feedbackhäufigkeit und Leistung nach. | Präzision |
| Zur Überprüfung der Hypothese wurde eine Durchführung eines t-Tests vorgenommen. | Die Hypothese wurde mit einem t-Test geprüft. | Funktionsverbgefüge |
| Die Analyse der Ergebnisse der Befragung der Studierenden ergab … | Die Befragung der Studierenden ergab … | Genitivkette |
| Das ist eigentlich klar. | Dieser Zusammenhang ist theoretisch gut begründet. | Lexik und Haltung |
| Die Erhöhung der Motivation erfährt durch Autonomie eine Verstärkung. | Autonomie verstärkt die Motivation. | zwei Funktionsverbgefüge |
| Man kann sagen, dass die Ergebnisse ganz gut zur Theorie passen. | Die Ergebnisse stützen die theoretische Annahme. | Füllkonstruktion |
Die Gegenregel: wann der Nominalstil richtig ist
Es gibt drei Stellen, an denen die Nominalisierung die bessere Wahl ist und ihre Auflösung den Text verschlechtert.
- Am Satzanfang, wenn der Vorgang das Thema ist. „Die Rückübersetzung der Skala erwies sich als aufwendig“ ist besser als „Dass die Skala rückübersetzt werden musste, erwies sich als aufwendig“ — der Vorgang ist hier der Gegenstand des Satzes.
- Im Anschluss an den vorigen Satz. Ein Substantiv, das einen ganzen vorangegangenen Sachverhalt aufnimmt, ist genau das Mittel, mit dem Absätze innerlich zusammenhalten.
- In Kapitelüberschriften und im Abstract. Dort ist Verdichtung die Aufgabe.
Der zweite Punkt ist der wichtigste, weil er zeigt, dass Stil und Struktur hier dasselbe sind: Die Nominalisierung, die einen Absatz zusammenhält, gehört zum Anschlusszug des Absatzbaus, wie ihn der Beitrag zum wissenschaftlichen Absatz aus Themensatz, Beleg, Deutung und Anschluss beschreibt.
Die Marker, die zuerst gestrichen werden
Vor jeder inhaltlichen Überarbeitung lohnt ein Suchdurchgang über eine feste Liste. Diese Wörter sind in einer Abschlussarbeit fast immer entweder streichbar oder ersetzungsbedürftig:
eigentlich · ziemlich · echt · halt · quasi · sowas wie · jede Menge · total · natürlich · klar · im Endeffekt · auf jeden Fall · man kann sagen, dass · ich denke, dass · irgendwie · relativ · sehr
Bei relativ und sehr ist der Eingriff nicht das Streichen, sondern die Frage „relativ wozu?“ — meist fehlt der Bezugswert. Der übrige formale Rahmen, von der Zeichensetzung bis zum Umgang mit Abkürzungen, ist im Überblick zum wissenschaftlichen Stil mit Aktiv, Passiv und Konjunktiv zusammengestellt.
Was sich dadurch im Gutachten ändert
Der Effekt ist nicht ästhetisch. Ein Satz, dessen Handlung im Verb steht, macht überprüfbar, wer was getan hat — und genau das ist es, was ein Gutachter im Methodik- und Ergebnisteil sucht. „Die Auswertung erfolgte“ lässt offen, mit welchem Verfahren und mit welchen Entscheidungen; „Die Daten wurden mit SPSS 29 ausgewertet, fehlende Werte listenweise ausgeschlossen“ nicht. Die Stilbemerkung am Rand ist deshalb häufig eine verkleidete Nachfrage nach Transparenz.
Zwei Dinge sind dabei zu trennen. Das Umschreiben eigener Sätze in ein anderes Register ist gewöhnliche Textarbeit. Das Umschreiben fremder Sätze, damit sie nicht mehr als Zitat erkennbar sind, ist etwas anderes — welche Werkzeuge dafür zulässig sind und wo die Grenze zum Fehlverhalten liegt, behandelt der Vergleich der KI-Paraphrasierungstools für akademisches Schreiben.
Zusammenfassung
Wissenschaftlich zu schreiben heißt nicht, mehr Substantive zu verwenden. Der Nominalstil hat vier klar begrenzte Aufgaben — Verdichtung, Anschluss, Terminologie, Sachbezug —, und jede Nominalisierung, die keine davon erfüllt, kostet Lesbarkeit ohne Gegenwert. Die vier Auslöser der Überladung sind mit der Suchfunktion auffindbar: -ung-Ketten, drei Genitive in Folge, Funktionsverbgefüge und ein Hauptverb, das erfolgen heißt. Das Fünf-Züge-Verfahren behebt sie satzweise. Und die Marker aus der Streichliste sind in zehn Minuten aus einem ganzen Kapitel entfernt.
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Tesify markiert Funktionsverbgefüge, Genitivketten und -ung-Häufungen im laufenden Text, schlägt für jeden Treffer die verbale Fassung vor und lässt Fachbegriffe unangetastet — im selben Editor, in dem auch Quellen und Literaturverzeichnis liegen.
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Häufige Fragen
Wie schreibe ich einen Text wissenschaftlich um?
Satz für Satz in fünf Zügen: Hauptverb suchen, die Handlung vom Substantiv zurück ans Verb geben, klären wer handelt, Genitivketten auf höchstens zwei Glieder kürzen und Fachbegriffe unangetastet lassen. Vorher lohnt ein Suchdurchgang über umgangssprachliche Marker wie eigentlich, ziemlich oder man kann sagen, dass.
Ist der Nominalstil in der Bachelorarbeit erwünscht?
In Maßen ja. Nominalisierungen verdichten, stellen den Anschluss zum vorigen Satz her und tragen die Fachterminologie. Erwünscht ist keine bestimmte Menge, sondern eine Begründung pro Fall: Erfüllt das Substantiv eine dieser Aufgaben, bleibt es; steht es nur da, weil es akademischer wirkt, wird es zum Verb.
Was ist ein Funktionsverbgefüge?
Eine Verbindung aus einem inhaltsleeren Verb und einem bedeutungstragenden Substantiv, etwa zur Anwendung bringen, eine Überprüfung durchführen oder Berücksichtigung finden. Die eigentliche Handlung steckt im Substantiv. Falsch sind diese Konstruktionen nicht, aber gehäuft lassen sie einen Text ausweichend wirken; die verbale Fassung ist meist kürzer und überprüfbarer.
Woran erkenne ich, dass mein Text überladen ist?
An vier Mustern, die sich alle mit der Suchfunktion finden lassen: mehr als zwei Wörter auf -ung in einem Satz, drei Genitive hintereinander, Einträge aus der Liste der Funktionsverbgefüge und Sätze, deren Hauptverb erfolgen, stattfinden oder vornehmen lautet.
Darf ich „ziemlich“ oder „eigentlich“ in einer Abschlussarbeit verwenden?
Nein. Beide stammen aus der gesprochenen Sprache und sind zudem unbestimmt. Eigentlich lässt sich fast immer ersatzlos streichen; ziemlich und relativ verlangen einen Bezugswert — statt „relativ hoch“ gehört dorthin, gegenüber welchem Wert oder welcher Vergleichsgruppe der Befund hoch ist.
Macht ein Text durch Umschreiben automatisch einen Plagiatsverdacht?
Nein, solange es die eigenen Sätze sind. Das Umformulieren eigener Formulierungen in ein anderes Register ist gewöhnliche Textarbeit. Etwas anderes ist das Umschreiben fremder Sätze mit dem Ziel, die Quelle unkenntlich zu machen — dort entsteht ein Plagiat unabhängig davon, wie stark der Wortlaut verändert wurde, wenn der Beleg fehlt.
