Darf man in der Bachelorarbeit „ich“ schreiben? Wissenschaftlicher Schreibstil 2026 erklärt
Die Verwendung der Ich-Form in der Bachelorarbeit ist an den meisten deutschen Hochschulen nicht grundsätzlich verboten — aber auch nicht automatisch erlaubt. Ob du „ich“ schreiben darfst, hängt von deinem Fach, dem Schreibstil deines Instituts und der expliziten Absprache mit deiner Betreuerin oder deinem Betreuer ab. In qualitativen Forschungsarbeiten und Reflexionsabschnitten ist die erste Person jedoch weitgehend akzeptiert.
Warum wird die Ich-Form in wissenschaftlichen Texten so kontrovers diskutiert?
Das Ideal der Objektivität prägt die deutschsprachige Wissenschaftstradition seit Langem. Der klassische Anspruch lautet: Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen für sich selbst sprechen — ohne den Autor oder die Autorin in den Vordergrund zu stellen. Daraus entstand die Konvention, persönliche Pronomina möglichst zu vermeiden.
Gleichzeitig hat sich in vielen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen ein Umdenken vollzogen. Forscherinnen und Forscher stehen für ihre methodischen Entscheidungen ein, sie benennen ihre Perspektive offen — und das geschieht am natürlichsten in der ersten Person. Texte, die diesen Rollenwechsel hinter Passivkonstruktionen verstecken, wirken mitunter geschwollen und weniger nachvollziehbar.
Das Ergebnis ist eine Grauzone: Weder besteht ein allgemeines Verbot, noch gibt es eine universelle Erlaubnis. Die Entscheidung liegt bei Institut, Fachkultur und Betreuungsperson.
Wann ist die Ich-Form in der Bachelorarbeit zulässig?
Es gibt mehrere Kontexte, in denen die Ich-Form in akademischen Texten weitgehend anerkannt ist:
- Qualitative Forschung: Wer Interviews führt, Beobachtungen protokolliert oder hermeneutisch interpretiert, beschreibt eigene Wahrnehmungen und Deutungen. Formulierungen wie „Ich habe mich für eine inhaltsanalytische Auswertung entschieden“ machen die Forscherperspektive transparent.
- Methodologische Begründungen: „Ich wähle diesen Ansatz, weil…“ ist klarer als das grammatisch umständliche „Es wurde entschieden, dass…“. Viele Betreuende schätzen diese Direktheit.
- Reflexionsabschnitte: Limitationen, Selbstkritik und der persönliche Erkenntnisgewinn — hier klingt die Ich-Form natürlich und ehrlich.
- Danksagung: Hier ist „ich“ fast immer akzeptiert, da der Text explizit persönlichen Charakter trägt.

Was sind die Alternativen zur Ich-Form?
Wenn du auf die Ich-Form verzichten willst oder musst, stehen dir drei stilistische Strategien zur Verfügung:
Passivkonstruktionen
Das Passiv verbirgt den Handelnden: „Es wurde eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt.“ Diese Konstruktion ist in naturwissenschaftlichen und technischen Arbeiten weit verbreitet. Ihr Nachteil: In langen Texten wirkt sie monoton und kann Verantwortlichkeit verschleiern.
„Der Verfasser“ / „die Verfasserin“
Eine weitere klassische Option ist die Selbstbeschreibung in der dritten Person: „Der Verfasser kommt zu dem Schluss, dass…“ Diese Variante gilt manchmal als antiquiert, ist aber an einigen Instituten nach wie vor Standard — besonders in rechtswissenschaftlichen und historischen Arbeiten.
Unpersönliche Konstruktionen
Formulierungen wie „Die vorliegende Arbeit untersucht…“, „Im Folgenden wird dargestellt…“ oder „Ziel dieser Arbeit ist…“ umgehen die Frage nach der Person gänzlich. Sie sind allgemein anerkannt und stilistisch neutral.
Wie formuliert man ohne „ich“? — Beispiele richtig und falsch
| Mit Ich-Form | Neutrale Alternative |
|---|---|
| Ich untersuche in dieser Arbeit… | Die vorliegende Arbeit untersucht… |
| Ich habe mich für eine Befragung entschieden. | Als Erhebungsmethode wurde eine Befragung gewählt. |
| Ich komme zu dem Ergebnis, dass… | Die Analyse zeigt, dass… / Es lässt sich schlussfolgern, dass… |
| Ich muss einschränkend sagen, dass… | Einschränkend ist anzumerken, dass… |
| Ich habe die Interviews selbst transkribiert. | Die Transkription wurde durch die Verfasserin / den Verfasser vorgenommen. |
| Ich möchte abschließend darauf hinweisen… | Abschließend sei darauf hingewiesen… |
Hängt die Entscheidung vom Fach ab?
Ja — und das ist der wichtigste Punkt, den viele Studierende unterschätzen. Die Fachkultur entscheidet maßgeblich darüber, wie tolerant der Umgang mit der ersten Person ist:
- Geisteswissenschaften (Germanistik, Philosophie, Geschichte): Ich-Form in interpretativen Passagen weitgehend akzeptiert, sofern sie konsequent eingesetzt wird.
- Sozial- und Erziehungswissenschaften: In qualitativen Studien ist „ich“ heute an vielen Universitäten ausdrücklich empfohlen, um die Forscherperspektive zu verdeutlichen.
- Wirtschaftswissenschaften (BWL, VWL): Klassisch unpersönlicher Stil; Passiv und Nominalkonstruktionen dominieren. Ich-Form selten und meist auf Einleitung oder Fazit beschränkt.
- Natur- und Ingenieurwissenschaften: Fast ausschließlich Passiv. Die erste Person ist unüblich und kann einen unprofessionellen Eindruck hinterlassen.
- Rechtswissenschaften: „Der Verfasser“ / „die Verfasserin“ ist hier ein etablierter Kompromiss.
Leitfäden der TU München und der Humboldt-Universität zu Berlin empfehlen in ihren Merkblättern für Abschlussarbeiten durchgängig den unpersönlichen Stil als Grundregel — mit ausdrücklichem Verweis auf fachliche Ausnahmen. Schau dir das Merkblatt deines Lehrstuhls an, bevor du eine Entscheidung triffst.

Darf man in der Danksagung „ich“ schreiben?
Ja, fast immer. Die Danksagung der Bachelorarbeit ist ein persönlicher Text — kein wissenschaftlicher Abschnitt im eigentlichen Sinne. Hier ist die Ich-Form nicht nur erlaubt, sondern erwartet. Formulierungen wie „Ich danke meiner Betreuerin Prof. Dr. Müller…“ oder „Besonderer Dank gilt meinen Eltern…“ sind Standard.
Ähnliches gilt für kurze Reflexionspassagen am Ende des Fazits, in denen du den persönlichen Erkenntnisgewinn beschreibst — vorausgesetzt, du hast das mit deiner Betreuungsperson abgesprochen.
Was sagt die Betreuungsperson — und warum ist das ausschlaggebend?
Formale Leitfäden und Stilempfehlungen liefern nur einen Rahmen. Die endgültige Entscheidung liegt bei der Person, die deine Arbeit benotet. Manche Betreuenden bestehen auf durchgehendem Passiv; andere loben eine klare, aktive Sprache in der ersten Person.
Frage deshalb bevor du mit dem Schreiben beginnst explizit nach: „Darf ich in dieser Arbeit die erste Person verwenden?“ Diese eine Frage spart dir im Nachhinein erheblichen Überarbeitungsaufwand. Falls du beim sprachlichen Feinschliff deiner Bachelorarbeit Unterstützung brauchst, kann Tesify helfen, Formulierungen stilsicher zu glätten, ohne deinen Inhalt zu verändern.
FAQ: Ich-Form in der Bachelorarbeit
Darf man in der Bachelorarbeit generell „ich“ schreiben?
Es gibt kein generelles Verbot. Die Zulässigkeit hängt vom Fach, dem Institut und der Betreuungsperson ab. Kläre es vorab — schriftlich, falls möglich.
Was ist besser: Passiv oder Ich-Form?
Das kommt auf Fach und Kontext an. Passivkonstruktionen sind in naturwissenschaftlichen Arbeiten Standard. In qualitativen und geisteswissenschaftlichen Texten ist die Ich-Form oft klarer und ehrlicher.
Was bedeutet der Verfasser / die Verfasserin als Alternative?
Dabei bezeichnest du dich selbst in der dritten Person, etwa: Die Verfasserin kommt zu dem Schluss, dass… Das ist ein verbreiteter Kompromiss in Jura und Geschichte, kann aber in anderen Fächern veraltet wirken.
Darf man in der Einleitung der Bachelorarbeit ich schreiben?
In vielen Fächern ist ein kurzes, situierendes ich in der Einleitung toleriert — zum Beispiel bei der Begründung der Themenwahl. Halte es sparsam und frage vorher nach.
Darf man in der Danksagung ich schreiben?
Ja, fast ausnahmslos. Die Danksagung ist ein persönlicher Text und erwartet die erste Person.
Darf man im Fazit der Bachelorarbeit ich schreiben?
Im Fazit ist ich in Reflexionspassagen oft akzeptiert — besonders in qualitativen Arbeiten. Stil des Faches und Vorgaben der Betreuungsperson sind maßgeblich.
Welche Fächer erlauben die Ich-Form eher?
Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und qualitative Erziehungswissenschaften sind in der Regel toleranter gegenüber der ersten Person. Natur-, Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften bevorzugen durchgängig unpersönlichen Stil.
Kann ich die Ich-Form und das Passiv mischen?
Grundsätzlich ja — aber mit Bedacht. Ein sinnvoller Ansatz: Passiv für empirische Befunde und Methoden, Ich-Form für explizit persönliche Entscheidungen und Einschätzungen. Hauptsache, du bleibst innerhalb deiner Abschnitte konsistent.
Wie sage ich ich habe festgestellt ohne ich?
Möglichkeiten: Die Analyse zeigt, dass…, Es konnte festgestellt werden, dass…, Die Ergebnisse belegen, dass… oder Aus den Daten geht hervor, dass…
Verliere ich Punkte, wenn ich ich schreibe?
Das hängt ausschließlich von den Bewertungskriterien deines Lehrstuhls ab. Wer ohne Rücksprache die Ich-Form in einem Fach einsetzt, das sie traditionell ablehnt, riskiert Abzüge bei der sprachlichen Qualität. Frage vorher — das ist die sicherste Strategie.




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