Eine englischsprachige Skala darfst du nicht einfach übersetzen und einsetzen. Du brauchst erstens die Zustimmung der Rechteinhaber, wenn deine Übersetzung veröffentlicht wird, und zweitens ein dokumentiertes Übersetzungsverfahren mit Rückübersetzung, Expertenabgleich und Pretest — denn eine übersetzte Skala ist psychometrisch ein neues Instrument.
Die Ausgangslage: dein Konstrukt existiert nur auf Englisch
Der Fall ist häufiger, als die Methodenliteratur suggeriert. Du hast eine Forschungsfrage, du findest die passende etablierte Skala — und sie ist auf Englisch, validiert an einer US-amerikanischen Stichprobe, mit einer Handvoll Anwendungen in Skandinavien und keiner einzigen deutschen Fassung. Für eine deutschsprachige Erhebung ist sie damit zunächst unbrauchbar.
Bevor du übersetzt, gehe die Vorstufe konsequent durch: Existiert wirklich keine deutsche Version? Viele Skalen sind längst adaptiert, ohne dass die Originalpublikation davon berichtet. Wo du systematisch suchst und welche Archive es für den deutschsprachigen Raum gibt, beschreibt der Beitrag dazu, wie du eine validierte Skala findest und nutzen darfst. Suche zusätzlich in Fachdatenbanken nach dem Skalennamen zusammen mit „German version“, „deutsche Fassung“ oder „Adaptation“ und prüfe die Zitationen der Originalpublikation.
Erst wenn diese Suche wirklich leer ausgeht, beginnt der Weg, den dieser Beitrag beschreibt.
Warum Übersetzen kein Formalakt ist
Die rechtliche Seite
Ein Erhebungsinstrument ist urheberrechtlich geschützt, sofern es die nötige Schöpfungshöhe erreicht — bei ausformulierten Itemsätzen, Instruktionen und Antwortformaten ist das regelmäßig der Fall. Eine Übersetzung ist im Sinne des Urheberrechts eine Bearbeitung. § 23 Absatz 1 des Urheberrechtsgesetzes formuliert dazu: „Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen eines Werkes […] dürfen nur mit Zustimmung des Urhebers veröffentlicht oder verwertet werden.“
Die Formulierung ist präziser, als sie auf den ersten Blick wirkt, und die Präzision ist für dich günstig: Zustimmungspflichtig ist die Veröffentlichung oder Verwertung, nicht das bloße Anfertigen der Übersetzung. Praktisch heißt das: Der Übersetzungsprozess selbst ist unproblematisch. Sobald deine Arbeit aber in ein Hochschulrepositorium wandert und die übersetzten Items im Anhang stehen, veröffentlichst du eine Bearbeitung — und dafür brauchst du die Zustimmung. Dieselbe Logik gilt für die Frage, was du sonst noch aus fremden Quellen in deine Arbeit übernehmen darfst; die Grenzen behandelt der Beitrag zu Abbildungen und Tabellen aus Quellen.
Die psychometrische Seite
Wichtiger noch als die Rechtsfrage ist die methodische: Die Gütewerte der Originalskala gelten nicht automatisch für deine Übersetzung. Reliabilität und Validität sind Eigenschaften einer Messung in einer bestimmten Population mit einem bestimmten Wortlaut — nicht Eigenschaften eines Konstrukts. Ein Satz wie „Die Skala weist ein Cronbachs Alpha von .89 auf (Autor, 2019)“ ist über deine deutsche Fassung schlicht keine Aussage. Du musst die interne Konsistenz in deiner eigenen Stichprobe neu berechnen und berichten; wie das geht, steht im Beitrag zu Reliabilität und Validität von Fragebögen.

Schritt 1: Die Nutzungsgenehmigung einholen
Kläre zuerst, wem das Instrument gehört. Es gibt drei typische Konstellationen. Bei einer frei lizenzierten Skala steht die Erlaubnis in der Publikation oder im Anhang — häufig eine Creative-Commons-Lizenz, die Bearbeitungen ausdrücklich einschließt. Dann brauchst du keine Anfrage, sondern nur eine korrekte Lizenzangabe. Bei einer Skala aus einer Zeitschriftenpublikation liegen die Rechte in der Regel bei den Autorinnen und Autoren; die Erstautorin ist deine Ansprechpartnerin. Bei einem Testverlagsinstrument hingegen ist der Verlag zuständig, und die Nutzung ist häufig kostenpflichtig — hier lohnt die Rückfrage, ob es Konditionen für Qualifikationsarbeiten gibt.
Die Anfrage selbst ist kurz. Sie sollte enthalten: wer du bist und an welcher Hochschule du schreibst, welche Arbeit du planst und mit welcher Fragestellung, dass du das Instrument ins Deutsche übersetzen möchtest, wie viele Personen du befragen willst, dass die Nutzung nicht kommerziell ist, und die Bitte, die übersetzten Items im Anhang der Arbeit abdrucken zu dürfen. Diesen letzten Punkt vergessen fast alle — und genau er ist der Punkt, an dem das Urheberrecht greift.
Plane für die Antwort mehrere Wochen ein und schreibe frühzeitig. Kommt keine Antwort, hake nach; bleibt es dabei, dokumentiere die Anfragen mit Datum und suche mit deiner Betreuung nach einer Alternative. Eine unbeantwortete Anfrage ist keine Erlaubnis.
Schritt 2: Das Übersetzungsverfahren nach den ITC-Leitlinien
Der Standard, auf den du dich berufen kannst, sind die ITC Guidelines for Translating and Adapting Tests der International Test Commission in ihrer zweiten Auflage, erschienen im International Journal of Testing, Band 18, Heft 2, Seiten 101–134. Sie beschreiben Testadaptation nicht als Sprachtransfer, sondern als mehrstufigen Prozess mit Belegpflicht. Für eine Abschlussarbeit lässt sich daraus dieses Vorgehen ableiten:
- Zwei unabhängige Vorwärtsübersetzungen. Zwei Personen übersetzen getrennt voneinander ins Deutsche. Idealerweise ist eine davon fachlich im Konstrukt zu Hause, die andere nicht — die erste sichert die Terminologie, die zweite die Verständlichkeit.
- Synthese. Beide Fassungen werden nebeneinandergelegt, Abweichungen diskutiert und zu einer Version zusammengeführt. Halte fest, bei welchen Items die Fassungen auseinanderlagen — das ist später dein wertvollster Dokumentationsbaustein.
- Rückübersetzung. Eine dritte Person, die das Original nicht kennt, übersetzt die deutsche Fassung zurück ins Englische.
- Abgleich. Original und Rückübersetzung werden Item für Item verglichen. Gesucht werden nicht identische Wörter, sondern identische Bedeutungen.
- Expertenabgleich. Eine kleine Runde aus Fachperson, sprachkundiger Person und Betreuung entscheidet über die strittigen Items und verabschiedet die Vorabfassung.
- Kognitiver Pretest. Fünf bis zehn Personen aus der Zielgruppe füllen den Bogen aus und erklären laut, wie sie jedes Item verstehen. Dieser Schritt findet die Probleme, die kein Übersetzungsvergleich findet.
- Pilotierung. Eine kleine quantitative Vorerhebung, aus der du Itemtrennschärfen und die interne Konsistenz schätzt.

Schritt 3: Die vier Äquivalenzen, an denen du gemessen wirst
Eine gute Adaptation zielt nicht auf Wortgleichheit, sondern auf Äquivalenz — und davon gibt es mehrere Ebenen.
- Konzeptuelle Äquivalenz: Existiert das Konstrukt im deutschsprachigen Kontext überhaupt in derselben Form? Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitsmarktkonzepte sind hier besonders anfällig.
- Semantische Äquivalenz: Bedeutet das Item dasselbe? Redewendungen, Verneinungen und Intensitätswörter wie „often“, „quite“ oder „somewhat“ sind die klassischen Stolpersteine.
- Operationale Äquivalenz: Bleiben Antwortformat, Skalenbeschriftung, Instruktion und Bezugszeitraum gleich? Eine fünfstufige Skala nachträglich auf sieben Stufen zu erweitern, ist keine Übersetzung mehr.
- Messäquivalenz: Misst die deutsche Fassung dasselbe Konstrukt mit derselben Struktur? Der formale Nachweis erfordert konfirmatorische Verfahren an großen Stichproben und ist in einer Bachelorarbeit nicht zu leisten — was du leisten kannst, ist die ehrliche Feststellung, dass er aussteht.
Schritt 4: Was in einer Abschlussarbeit realistisch ist
Der volle ITC-Prozess ist ein eigenes Forschungsprojekt. Für eine Bachelorarbeit sind die Schritte 1 bis 6 ohne fremde Hilfe kaum vollständig machbar — und das ist kein Grund zu resignieren, sondern ein Grund, den Umfang bewusst zu wählen und zu benennen.
Ein tragfähiger Minimalstandard umfasst: eine Vorwärtsübersetzung durch dich, eine unabhängige zweite durch eine Kommilitonin, eine Rückübersetzung durch eine dritte Person, einen dokumentierten Abgleich mit deiner Betreuung und einen kognitiven Pretest mit fünf Personen. Das ist ehrlich, nachvollziehbar und in zwei bis drei Wochen zu schaffen.
Was du dafür in die Limitationen schreibst: dass die deutsche Fassung nicht formal validiert ist, dass keine Messäquivalenz zur Originalversion geprüft wurde und dass Vergleiche mit Befunden aus der Originalsprache deshalb nur eingeschränkt möglich sind. Dieser Absatz nimmt der Kritik im Kolloquium die Spitze, weil du sie vorweggenommen hast.
Schritt 5: Die Dokumentation, die dein Verfahren belegt
Drei Dinge gehören in die Arbeit. In den Methodenteil kommt eine kompakte Beschreibung des Verfahrens mit allen Beteiligten, Schritten und der Angabe, welcher Standard zugrunde gelegt wurde. In den Anhang kommen die deutsche Fassung, die Genehmigung im Wortlaut und eine Tabelle der Items, bei denen die Übersetzungen auseinanderlagen, samt Begründung der gewählten Formulierung. In die Ergebnisse kommen die in deiner Stichprobe berechneten Kennwerte der Skala.
„Da für das Konstrukt keine deutschsprachige Fassung vorlag, wurde die Originalskala nach den Leitlinien der International Test Commission zur Testübersetzung und -adaptation ins Deutsche übertragen. Die Nutzung und der Abdruck der übersetzten Items wurden von der Erstautorin schriftlich genehmigt. Zwei unabhängige Vorwärtsübersetzungen wurden zu einer Fassung zusammengeführt und von einer dritten, mit dem Original nicht vertrauten Person zurückübersetzt. Abweichungen bei drei Items wurden in einer Abstimmung mit der Betreuung geklärt. Ein kognitiver Pretest mit fünf Personen der Zielgruppe führte zu zwei Formulierungsänderungen. Die interne Konsistenz der deutschen Fassung wird in Abschnitt 4.2 berichtet.“
Vier Fehler, die die Adaptation entwerten
- Maschinell übersetzen und redigieren. Ein Übersetzungswerkzeug darf einen Rohentwurf liefern, ersetzt aber weder die zweite unabhängige Übersetzung noch die Rückübersetzung. Wird der Weg verschwiegen, ist das ein Transparenzproblem.
- Die Gütewerte des Originals übernehmen. Sie beschreiben eine andere Messung an einer anderen Population.
- Am Antwortformat schrauben. Wer Stufenzahl, Ankerbeschriftung oder Bezugszeitraum ändert, verlässt die Adaptation und baut ein neues Instrument.
- Die Genehmigung erst nach der Erhebung einholen. Kommt eine Ablehnung, sind deine Daten mit einem Instrument erhoben, das du nicht abdrucken darfst.
Häufige Fragen zur Übersetzung von Erhebungsinstrumenten
Brauche ich wirklich eine Genehmigung, wenn ich die Skala nur für eine Bachelorarbeit nutze?
Für das Anfertigen der Übersetzung nicht zwingend — zustimmungspflichtig ist nach § 23 Absatz 1 UrhG die Veröffentlichung oder Verwertung der Bearbeitung. Da Abschlussarbeiten regelmäßig in Repositorien landen und die Items im Anhang stehen, solltest du die Zustimmung dennoch immer einholen.
Wie viele Personen brauche ich für den kognitiven Pretest?
Fünf bis zehn Personen aus der Zielgruppe reichen, um die groben Verständnisprobleme zu finden. Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern dass die Teilnehmenden laut denken und du ihre Interpretation jedes Items protokollierst.
Darf ich einzelne Items weglassen, wenn sie im deutschen Kontext nicht passen?
Möglich, aber begründungspflichtig — und mit Folgen: Eine gekürzte Skala ist nicht mehr die Originalskala, und die Kennwerte sind entsprechend zu berichten. Dokumentiere jede Streichung mit inhaltlicher Begründung.
Was mache ich, wenn die Autorin nicht antwortet?
Dokumentiere Anfrage, Nachfrage und Datum. Sprich dann mit deiner Betreuung über die Optionen: ein alternatives Instrument, die Verwendung ohne Abdruck der Items im Anhang mit Verweis auf die Originalquelle, oder ein Wechsel der Operationalisierung.
Reicht eine Rückübersetzung als Nachweis der Qualität?
Sie ist ein wichtiger, aber allein nicht hinreichender Baustein. Eine wörtlich gelungene Rückübersetzung kann eine Formulierung verdecken, die in der Zielgruppe systematisch anders verstanden wird. Genau dafür gibt es den kognitiven Pretest.
Muss ich die Übersetzung in der Eigenständigkeitserklärung erwähnen?
In der Erklärung selbst nicht. Alle Personen, die an der Übersetzung mitgewirkt haben, gehören aber namentlich oder in ihrer Rolle in die Verfahrensbeschreibung des Methodenteils.
Kann ich die übersetzte Skala später weiterverwenden oder veröffentlichen?
Nur im Rahmen der erteilten Zustimmung. Frage deshalb in der Anfrage gleich mit, ob die Erlaubnis auf die Abschlussarbeit beschränkt ist oder eine spätere Publikation einschließt.
Fazit
Wenn dein Konstrukt nur auf Englisch messbar ist, ist die Übersetzung kein Umweg, sondern ein eigener methodischer Beitrag deiner Arbeit — vorausgesetzt, du behandelst sie als solchen. Prüfe zuerst, ob eine deutsche Fassung existiert. Hole dann die Genehmigung ein, und zwar ausdrücklich auch für den Abdruck im Anhang. Übersetze in zwei unabhängigen Durchgängen, lass zurückübersetzen, kläre die strittigen Items im Gespräch und teste das Verständnis an fünf Personen deiner Zielgruppe. Berichte die Kennwerte deiner eigenen Stichprobe und benenne in den Limitationen, was ungeprüft geblieben ist. Damit steht dein Instrument.
Halte das Verfahren fest, während du es durchläufst. Mit Tesify schreibst du Methodenteil, Anhangsverzeichnis und Limitationen im selben Dokument und verlierst keinen der Zwischenschritte. Starte deine Abschlussarbeit mit Tesify und dokumentiere deine Adaptation, solange die Entscheidungen noch frisch sind.
