„Peer-reviewed“ ist eines der wichtigsten Qualitätssiegel in der Wissenschaft. Betreuende verlangen in Abschlussarbeiten oft, dass zentrale Quellen aus begutachteten Fachzeitschriften stammen, und wer selbst einmal publiziert, durchläuft das Verfahren aus der anderen Perspektive. Was genau passiert aber im Peer Review Verfahren? Wer begutachtet, nach welchen Kriterien, welche Formen gibt es, und was bedeutet das für die Quellen deiner Bachelorarbeit oder Masterarbeit? Dieser Beitrag erklärt das Verfahren Schritt für Schritt, stellt die Modelle der Begutachtung vor und zeigt, wie du begutachtete Quellen erkennst und richtig einordnest.
Was ist ein Peer Review Verfahren?
Peer Review bedeutet wörtlich „Begutachtung durch Gleichrangige“. Bevor ein wissenschaftlicher Artikel in einer begutachteten Fachzeitschrift erscheint, prüfen ihn Fachleute aus demselben Forschungsgebiet. Sie beurteilen, ob die Fragestellung relevant ist, ob die Methode angemessen ist, ob die Ergebnisse die Schlussfolgerungen tragen und ob der Beitrag den Forschungsstand korrekt einordnet. Auf Grundlage ihrer Gutachten entscheidet die Herausgeberschaft der Zeitschrift, ob der Artikel angenommen, überarbeitet oder abgelehnt wird.
Peer Review gibt es nicht nur bei Zeitschriften. Auch Förderanträge, Konferenzbeiträge, Buchmanuskripte und Berufungsverfahren werden begutachtet. Für Studierende ist aber vor allem die Begutachtung von Zeitschriftenartikeln wichtig, weil sie bestimmt, welche Quellen als besonders belastbar gelten.
Wichtig ist auch der Unterschied zwischen Herausgeberschaft und Begutachtung. Die Herausgeberinnen und Herausgeber einer Zeitschrift sind selbst Fachleute, die das Verfahren organisieren und am Ende entscheiden. Die Gutachtenden arbeiten in der Regel ehrenamtlich und geben eine Empfehlung ab. Eine Zeitschrift ist also nur so gut wie ihre Herausgeberschaft und die Fachleute, die sie für Gutachten gewinnen kann. Deshalb unterscheiden sich auch begutachtete Zeitschriften in ihrem Ansehen innerhalb eines Fachs.
Der Ablauf Schritt für Schritt

Der genaue Ablauf unterscheidet sich zwischen Verlagen und Zeitschriften, folgt aber meist einem ähnlichen Muster:
- Einreichung: Die Autorinnen und Autoren reichen ihr Manuskript über das System der Zeitschrift ein, meist zusammen mit einem Anschreiben.
- Vorprüfung durch die Redaktion: Die Herausgeberin oder der Herausgeber prüft, ob das Manuskript zum Profil der Zeitschrift passt und formale Anforderungen erfüllt. Ungeeignete Manuskripte werden oft schon hier abgelehnt. Diese Ablehnung ohne externe Begutachtung heißt „Desk Reject“.
- Auswahl der Gutachtenden: Die zuständige Herausgeberin oder der zuständige Herausgeber wählt Fachleute aus und lädt sie zur Begutachtung ein.
- Begutachtung: Die Gutachtenden lesen das Manuskript, bewerten es und verfassen Kommentare für die Autorinnen und Autoren sowie für die Herausgeberschaft. Meist schließen sie mit einer Empfehlung.
- Entscheidung: Die Herausgeberschaft entscheidet auf Basis der Gutachten. Typische Entscheidungen sind Annahme, kleinere Überarbeitung, größere Überarbeitung oder Ablehnung.
- Überarbeitung: Bei einer Überarbeitung reichen die Autorinnen und Autoren eine neue Fassung ein, meist mit einer Antwort auf jeden Kommentar. Die neue Fassung kann erneut begutachtet werden.
- Veröffentlichung: Nach der Annahme folgen Satz, Korrekturfahnen und die Veröffentlichung, oft zunächst online.
Elsevier beschreibt den Kern so: Die zuständige Herausgeberin oder der zuständige Herausgeber wählt die Gutachtenden aus und lädt sie ein, die Gutachtenden bewerten den Beitrag und kommentieren ihn für Autorinnen, Autoren und Herausgeberschaft, und die Entscheidung trifft die Herausgeberschaft. Bei den meisten Elsevier-Zeitschriften werden die Gutachtenden anschließend über die Entscheidung und die Empfehlungen der anderen Gutachtenden informiert.
Die Formen des Peer Review

Die Modelle unterscheiden sich vor allem darin, wer wessen Identität kennt. Der Wissenschaftsverlag Elsevier unterscheidet auf seiner Seite What is peer review? unter anderem folgende Formen:
| Modell | Wer kennt wen? | Typische Eigenschaft |
|---|---|---|
| Single anonymized (single-blind) | Die Gutachtenden kennen die Autorinnen und Autoren, aber nicht umgekehrt. | laut Elsevier das traditionelle und am weitesten verbreitete Modell |
| Double anonymized (double-blind) | Gutachtende und Autorinnen und Autoren bleiben füreinander anonym. | Gutachtende können die Identität aber oft aus Stil, Thema oder Selbstzitaten erraten |
| Triple anonymized | Zusätzlich kennt auch die entscheidende Herausgeberin oder der entscheidende Herausgeber die Identitäten nicht. | aufwendig, und Identitäten lassen sich trotzdem teils erschließen |
| Open Peer Review | Oberbegriff für transparentere Modelle, meist kennen sich Gutachtende und Autorinnen und Autoren. | in manchen Varianten werden Namen oder Gutachten mit dem Artikel veröffentlicht |
Jedes Modell hat Vor- und Nachteile. Anonymität soll Verzerrungen etwa durch den Ruf oder die Herkunft der Autorinnen und Autoren verringern und Gutachtenden erlauben, offen zu kritisieren. Offene Modelle setzen dagegen auf Transparenz und Verantwortlichkeit. Welches Modell eine Zeitschrift nutzt, steht meist in ihren Hinweisen für Autorinnen und Autoren.
Wonach Gutachtende urteilen
Auch wenn jede Zeitschrift eigene Leitfäden hat, prüfen Gutachtende in der Regel ähnliche Fragen:
- Relevanz und Originalität: Trägt der Beitrag etwas Neues zum Forschungsstand bei?
- Methode: Sind Design, Stichprobe, Instrumente und Auswertung angemessen und nachvollziehbar beschrieben?
- Ergebnisse und Schlussfolgerungen: Tragen die Daten die Interpretation, oder werden die Befunde überzogen?
- Einordnung: Wird die relevante Literatur berücksichtigt und korrekt wiedergegeben?
- Darstellung: Ist der Text klar strukturiert, sind Tabellen und Abbildungen verständlich?
- Integrität: Gibt es Hinweise auf Interessenkonflikte, ethische Probleme oder Unstimmigkeiten in den Daten?
Diese Kriterien sind auch für deine eigene Arbeit nützlich. Wer sein Methodenkapitel und seine Diskussion mit den Augen einer Gutachterin liest, findet Schwachstellen, bevor die Betreuung sie findet.
Regeln für Gutachtende: Vertraulichkeit und Neutralität
Für die Begutachtung gelten Regeln guter wissenschaftlicher Praxis. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft widmet in ihren Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis eine eigene Leitlinie der Vertraulichkeit und Neutralität bei Begutachtungen und Beratungen. Grundgedanke ist, dass Gutachtende eingereichte Manuskripte vertraulich behandeln, sie nicht für eigene Zwecke nutzen und mögliche Befangenheit offenlegen. Viele Verlage formulieren zusätzlich eigene Richtlinien für Gutachtende, etwa zum Umgang mit Interessenkonflikten oder zur Weitergabe von Manuskripten.
Für dich als Studierende oder Studierender ist das vor allem dann relevant, wenn du an einem Lehrstuhl mitarbeitest und Einblick in Begutachtungen bekommst. Manuskripte im Begutachtungsprozess sind vertraulich und dürfen weder zitiert noch weitergegeben werden.
Peer Review und die Quellen deiner Abschlussarbeit
Besonders wichtig ist die Begutachtung, wenn deine Arbeit ausschließlich auf vorhandener Forschung aufbaut. Wie du eine solche Arbeit gliederst, zeigt unser Beitrag Literaturarbeit Bachelorarbeit: Aufbau und Gliederung.
In vielen Fächern gelten Artikel aus begutachteten Fachzeitschriften als besonders belastbare Quellen. Das heißt nicht, dass nicht begutachtete Quellen wertlos sind. Lehrbücher, Handbücher, Berichte von Behörden oder Dissertationen können ebenso zitierfähig sein. Peer Review ist aber ein wichtiges Signal dafür, dass ein Beitrag einer fachlichen Prüfung standgehalten hat.
So erkennst du begutachtete Artikel:
- Hinweise der Zeitschrift: Die Website der Zeitschrift beschreibt ihr Begutachtungsverfahren meist in den Hinweisen für Autorinnen und Autoren oder unter „About“.
- Datenbankfilter: Viele Fachdatenbanken bieten einen Filter für begutachtete Zeitschriften. Wie du Datenbanken systematisch nutzt, zeigt unser Beitrag zur systematischen Literaturrecherche.
- Angaben im Artikel: Manche Artikel nennen Eingangs-, Überarbeitungs- und Annahmedatum. Das deutet auf ein Begutachtungsverfahren hin.
- Verzeichnisse für Open-Access-Zeitschriften: Für frei zugängliche Zeitschriften hilft ein Blick in einschlägige Verzeichnisse. Eine Übersicht bietet unser Beitrag zu Open-Access-Repositorien und DOAJ.
Vorsicht ist bei Preprints geboten. Preprints sind Manuskripte, die vor oder ohne Begutachtung öffentlich gemacht werden. Sie können aktuell und wertvoll sein, haben aber noch keine Begutachtung durchlaufen. Wenn du sie zitierst, kennzeichne sie als Preprint und prüfe, ob inzwischen eine begutachtete Fassung erschienen ist. Auch wissenschaftliche Suchmaschinen listen begutachtete und nicht begutachtete Texte nebeneinander. Welche Suchmaschinen es gibt und worin sie sich unterscheiden, zeigt unser Beitrag zu Google-Scholar-Alternativen.
Wie lange dauert ein Peer Review?
Die Dauer schwankt stark zwischen Fächern und Zeitschriften. Sie hängt davon ab, wie schnell geeignete Gutachtende gefunden werden, wie viele Begutachtungsrunden nötig sind und wie lange die Überarbeitung dauert. Manche Zeitschriften veröffentlichen auf ihrer Website Angaben zu durchschnittlichen Zeiten bis zur ersten Entscheidung. Für Studierende bedeutet das vor allem: Ein Artikel, den du im Literaturverzeichnis mit einem bestimmten Jahr zitierst, beruht oft auf Forschung, die deutlich früher durchgeführt wurde. Wer eine Arbeit zu einem schnelllebigen Thema schreibt, sollte deshalb zusätzlich prüfen, ob es neuere Preprints oder Konferenzbeiträge gibt, und diese mit der gebotenen Vorsicht einordnen.
Peer Review im Studium: Feedback unter Kommilitonen
Das Prinzip des Peer Review lässt sich auch im Studium nutzen. Viele Schreibzentren und Seminare arbeiten mit „Peer Feedback“: Studierende lesen gegenseitig ihre Texte und geben strukturierte Rückmeldung. Das ist kein formales Begutachtungsverfahren, folgt aber derselben Idee. Jemand mit vergleichbarem Wissensstand prüft, ob die Argumentation nachvollziehbar ist, ob die Methode zur Frage passt und ob die Schlussfolgerungen gedeckt sind.
Damit Peer Feedback hilft, braucht es klare Fragen. Bitte die lesende Person zum Beispiel, die Forschungsfrage in einem Satz wiederzugeben, die schwächste Stelle der Argumentation zu benennen und eine Frage zu stellen, die eine Gutachterin oder ein Prüfer stellen würde. Wichtig ist, dass Feedback Rückmeldung bleibt. Wie du die Kritik umsetzt und formulierst, entscheidest du selbst.
Checkliste: eine Quelle auf Begutachtung prüfen
- Erscheint der Beitrag in einer Fachzeitschrift mit beschriebenem Begutachtungsverfahren?
- Nennt der Artikel Eingangs- und Annahmedatum oder einen vergleichbaren Hinweis?
- Handelt es sich um einen Preprint, eine Konferenzfassung oder die endgültige Zeitschriftenfassung?
- Gibt es Korrekturen, Erratum-Hinweise oder einen Rückzug?
- Passt die Methode zu deiner Fragestellung, und ist die Stichprobe für deine Aussage ausreichend?
Grenzen des Peer Review
Peer Review ist kein Wahrheitsbeweis. Gutachtende sehen meist nur das Manuskript, nicht die Rohdaten. Sie können Fehler übersehen, sich irren oder voreingenommen sein, und auch begutachtete Artikel werden gelegentlich korrigiert oder zurückgezogen. Hinzu kommt, dass Zeitschriften unterschiedlich streng begutachten. Für deine Arbeit heißt das: Auch eine begutachtete Quelle liest du kritisch. Prüfe, ob die Methode zu deiner Fragestellung passt, ob die Stichprobe die Verallgemeinerung trägt und ob andere Studien zu ähnlichen Ergebnissen kommen.
Ein besonderes Problem sind Zeitschriften, die eine Begutachtung nur vortäuschen und vor allem an Publikationsgebühren interessiert sind. Warnsignale sind unrealistisch kurze Begutachtungszeiten, aggressive E-Mail-Werbung um Manuskripte, ein sehr breites Themenspektrum ohne klares Profil und fehlende Transparenz über Herausgeberschaft und Verfahren. Wenn du unsicher bist, frag in deiner Bibliothek nach.
Wenn du selbst publizierst
Manche Studierende veröffentlichen schon während des Studiums, etwa Ergebnisse einer sehr guten Masterarbeit. Dann durchläufst du das Verfahren aus Sicht der Autorinnen und Autoren. Drei Hinweise helfen dabei:
- Zeitschrift sorgfältig wählen: Passt das Thema zum Profil? Welche Artikelformate werden angenommen? Wie wird begutachtet?
- Gutachten konstruktiv beantworten: Antworte auf jeden Kommentar sachlich, beschreibe die Änderungen und begründe, wo du einem Vorschlag nicht folgst.
- Mit Ablehnung rechnen: Ablehnungen gehören zum Publizieren. Viele Artikel erscheinen nach Überarbeitung in einer anderen Zeitschrift.
In einer kumulativen Dissertation spielt das Peer Review eine zentrale Rolle, weil die einzelnen Artikel häufig in begutachteten Zeitschriften erscheinen sollen. Die Unterschiede zur Monographie erklärt unser Beitrag Kumulative Dissertation vs. Monographie.
Wichtige Begriffe rund um das Peer Review
- Desk Reject: Ablehnung durch die Redaktion ohne externe Begutachtung.
- Minor Revision: kleinere Überarbeitung, meist ohne erneute ausführliche Begutachtung.
- Major Revision: größere Überarbeitung, häufig mit erneuter Begutachtung.
- Accepted: Annahme zur Veröffentlichung.
- Preprint: öffentlich zugängliches Manuskript vor oder ohne Begutachtung.
- Erratum, Corrigendum, Retraction: Korrektur oder Rückzug eines bereits veröffentlichten Artikels.
FAQ: Häufige Fragen zum Peer Review Verfahren
Was bedeutet Peer Review?
Peer Review ist die Begutachtung eines wissenschaftlichen Beitrags durch Fachleute aus demselben Gebiet, bevor er in einer Fachzeitschrift erscheint. Auf Grundlage der Gutachten entscheidet die Herausgeberschaft über Annahme, Überarbeitung oder Ablehnung.
Was ist der Unterschied zwischen Single-blind und Double-blind?
Beim Single-blind-Verfahren kennen die Gutachtenden die Autorinnen und Autoren, aber nicht umgekehrt. Beim Double-blind-Verfahren bleiben beide Seiten füreinander anonym.
Was ist Open Peer Review?
Open Peer Review ist ein Oberbegriff für Modelle mit mehr Transparenz. Häufig kennen sich Gutachtende und Autorinnen und Autoren, in manchen Varianten werden Namen oder Gutachten mit dem Artikel veröffentlicht.
Wie erkenne ich, ob eine Quelle peer-reviewed ist?
Prüfe die Hinweise der Zeitschrift zu ihrem Begutachtungsverfahren, nutze Filter für begutachtete Zeitschriften in Fachdatenbanken und achte auf Angaben zu Eingangs- und Annahmedatum im Artikel.
Darf ich Preprints in meiner Bachelorarbeit zitieren?
Das hängt von den Vorgaben deines Fachs ab. Wenn du Preprints zitierst, kennzeichne sie als solche, ordne ihre Aussagekraft vorsichtig ein und prüfe, ob eine begutachtete Fassung erschienen ist.
Ist ein begutachteter Artikel automatisch richtig?
Nein. Peer Review ist ein wichtiges Qualitätssignal, aber kein Wahrheitsbeweis. Auch begutachtete Artikel können Fehler enthalten und werden gelegentlich korrigiert oder zurückgezogen. Lies jede Quelle kritisch.
