Gesundheitsdaten für die Abschlussarbeit 2026: GBE-Bund, GEDA, DEGS und die Scientific Use Files des RKI

Eine Abschlussarbeit in Pflegewissenschaft, Public Health, Gesundheitsmanagement, Psychologie oder Sozialwissenschaften braucht früher oder später Zahlen zur Gesundheit der Bevölkerung — und zwar solche, die eine Prüfungskommission akzeptiert. Für Deutschland gibt es dafür zwei Anlaufstellen, die sich sinnvoll ergänzen und die erstaunlich wenige Studierende kennen: die Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE) für aggregierte Kennziffern und das Forschungsdatenzentrum des Robert Koch-Instituts für die Mikrodaten der großen Gesundheitssurveys.

Dieser Beitrag zeigt, was du an beiden Stellen wirklich bekommst, wie der Antrag beim RKI abläuft — und korrigiert einen Begriff, der in vielen älteren Anleitungen noch steht und den es so nicht mehr gibt.

Erste Anlaufstelle: die GBE des Bundes für Kennziffern

Wenn du eine Zahl für den Hintergrundteil brauchst — Sterblichkeit, Krankheitshäufigkeit, Versorgungskennzahlen, Ausgaben —, führt der schnellste Weg über die Online-Datenbank der Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Sie beschreibt sich selbst als die umfangreichste Datensammlung über das deutsche Gesundheitswesen und stellt kostenfrei über drei Milliarden Zahlen und Kennziffern in Form von Tabellen bereit. Die Besonderheit: Sie führt Gesundheitsdaten aus über 100 verschiedenen Quellen an einer Stelle zusammen — darunter viele Erhebungen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, aber auch Erhebungen zahlreicher weiterer Institutionen aus dem Gesundheitsbereich.

Das ist genau die Eigenschaft, die die GBE für eine Abschlussarbeit wertvoll macht und die man zugleich verstehen muss: Die GBE ist ein Aggregator, keine eigene Erhebung. Jede Tabelle nennt ihre Quelle. Wenn eine Zahl im Zentrum deiner Argumentation steht, gehst du von der GBE-Tabelle weiter zur Originalquelle und zitierst diese — die GBE hat dir die Suche abgenommen, nicht die Zitation.

Praktisch nützlich: Die GBE stellt eigene Zitationsempfehlungen bereit. Nutze sie. Eine Tabelle aus einer Online-Datenbank braucht Abrufdatum und eine eindeutige Bezeichnung der Auswertung, sonst kann niemand nachvollziehen, welche Selektion du gezogen hast.

Thematisch reicht die Recherche von der gesundheitlichen Lage über Gesundheitsverhalten, Versorgung, Krankheitsgruppen und Kosten bis zu Rahmenbedingungen wie Bevölkerung und sozialer Lage. Für eine Kontextualisierung im Theorieteil ist das in der Regel mehr als ausreichend.

Von der Gesundheitsbefragung zum nutzbaren Datensatz
Von der Befragung zum Datensatz: Was als Telefoninterview beginnt, endet als dokumentierte Mikrodatendatei — aber nur auf Antrag.

Zweite Anlaufstelle: die Mikrodaten der RKI-Gesundheitssurveys

Aggregierte Tabellen reichen für den Hintergrund. Für eine eigene Auswertung brauchst du Mikrodaten — also Datensätze auf Ebene der einzelnen befragten Personen. Genau die stellt das Forschungsdatenzentrum (FDZ) des Robert Koch-Instituts aus den bevölkerungsrepräsentativen Gesundheitssurveys bereit. Drei Studienreihen bilden das Kernangebot:

Studie Wofür sie steht Zielgruppe
GEDA Gesundheit in Deutschland aktuell Erwachsene Wohnbevölkerung in Privathaushalten
DEGS Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland Erwachsene, mit Befragung und körperlichen Untersuchungen
KiGGS Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland Kinder und Jugendliche

GEDA erhebt Daten der in Privathaushalten lebenden Wohnbevölkerung über telefonische, schriftliche und/oder Online-Befragungen zu Gesundheitsverhalten und Gesundheitszustand; aus der GEDA-Reihe sind mehrere Erhebungswellen verfügbar. DEGS enthält zusätzlich Untersuchungsdaten — das ist der entscheidende Unterschied, wenn deine Fragestellung objektive Messwerte und nicht nur Selbstauskünfte braucht.

🔴 Wichtig: Es gibt keine „Public Use Files“ des RKI mehr

Viele ältere Methodenanleitungen und Seminarfolien sprechen von Public Use Files (PUF) des RKI. Dieser Begriff ist überholt. Das RKI stellt es selbst klar: Die in der Vergangenheit am RKI unter dem Namen Public Use File bereitgestellten Datensätze stehen nun als Scientific Use Files für wissenschaftliche Sekundärauswertungen zur Verfügung.

Der Unterschied ist nicht kosmetisch. „Public Use“ suggeriert freien Download; „Scientific Use“ heißt: Antrag, Begründung, Verpflichtungserklärung. Wer im Exposé schreibt, er werde „das Public Use File von GEDA herunterladen“, beschreibt einen Vorgang, den es nicht gibt — und verplant damit potenziell mehrere Wochen.

Was ein Scientific Use File ist

Scientific Use Files (SUF) sind standardisierte Datensätze, die in anonymisierter Form zu wissenschaftlichen Zwecken genutzt werden dürfen. Voraussetzung ist ein begründetes wissenschaftliches Interesse; eine kommerzielle Nutzung ist ausgeschlossen. Jeder SUF enthält:

  • die vollständige Stichprobe als Mikrodaten,
  • eine Studienbeschreibung mit Dokumentationsmaterialien — unter anderem Muster der Erhebungsunterlagen, die Variablenübersicht und die Auswertungsanleitung.

Die Datensätze stehen derzeit in den Formaten für SAS, SPSS und STATA zur Verfügung; wer ein anderes Format braucht, wendet sich per E-Mail an das FDZ.

Der Antrag — und wie lange er dauert

Scientific Use Files werden für externe wissenschaftliche Auswertungen auf Antrag bereitgestellt. Dafür gibt es ein elektronisch ausfüllbares PDF-Formular. Das FDZ benötigt darin:

  1. Name und Kontaktdaten der antragstellenden Person beziehungsweise der beantragenden wissenschaftlichen Einrichtung,
  2. eine Beschreibung des Forschungsvorhabens,
  3. eine Angabe zur Veröffentlichungsabsicht,
  4. eine Verpflichtungserklärung zum Datenschutz.

Den ausgefüllten Antrag samt unterschriebener und gescannter Vereinbarung schickst du per E-Mail an das FDZ. Die Bearbeitungszeit für einen SUF-Antrag beträgt in der Regel eine Woche. Das ist, gemessen an anderen Forschungsdatenzentren, ausgesprochen schnell — und es bedeutet, dass diese Datenquelle auch in einem knappen Bachelor-Zeitplan realistisch ist, solange du den Antrag nicht auf die letzten Wochen schiebst.

Für Survey-Daten, die nicht im Scientific Use File veröffentlicht sind, gibt es unter bestimmten Voraussetzungen die erweiterte Datennutzung; für besonders sensible Daten steht ein Arbeitsplatz für Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler zur Verfügung — ein besonders geschützter Arbeitsplatz ohne Netzwerkanbindung, der nötig ist, um die datenschutzrechtlichen Bestimmungen einzuhalten.

Antragsweg vom Formular bis zum Datensatz
Formular, E-Mail, Prüfung, Datensatz: in der Regel eine Woche — vorausgesetzt, das Forschungsvorhaben ist beschreibbar.

🔴 Die Campus-File-Falle: Warum das leicht zugängliche Angebot nicht das richtige ist

Neben den SUF gibt es Campus Files (CF) — und die sehen für Studierende auf den ersten Blick nach der bequemeren Lösung aus. Das RKI beschreibt sie so: Campus Files sind Datensätze, die speziell für die Lehre an Hochschulen und für Studierende konzipiert wurden und einen hohen Anonymisierungsgrad haben. Aufgrund der Reduzierung des Stichprobenumfangs auf 50 % weisen sie wesentlich weniger Datensätze und Merkmale aus. Sie dienen hauptsächlich dazu, die statistische Methodenausbildung anzureichern — Erhebungs-, Datenmanagement- und Analysetechniken zu vermitteln.

Und dann folgt der Satz, der über dein Studiendesign entscheidet: Für valide inhaltliche Analysen sind die Campus Files nicht zu empfehlen. Dafür eignen sich die Scientific Use Files oder Daten im Rahmen der erweiterten Datennutzung.

Damit ist die Entscheidung klar: Ein Campus File ist ein Übungsdatensatz. Wenn deine Abschlussarbeit eine inhaltliche Aussage treffen soll, brauchst du ein SUF. Die grundsätzliche Systematik der Zugangsstufen — Campus File, Scientific Use File, kontrollierte Fernverarbeitung, Gastaufenthalt — ist im Beitrag zu den Zugangsstufen der Forschungsdatenzentren erklärt; hier geht es um das, was speziell im Gesundheitsbereich verfügbar ist.

Welche Quelle beantwortet welche Frage?

Deine Frage Passende Quelle
„Wie viele Menschen in Deutschland sind von X betroffen?“ GBE des Bundes (aggregiert, sofort verfügbar)
„Hängt X mit Y zusammen, kontrolliert für Alter und Bildung?“ SUF aus GEDA oder DEGS (Mikrodaten, Antrag)
„Wie ist die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen?“ KiGGS über das FDZ
„Ich brauche objektive Messwerte, keine Selbstauskunft“ DEGS (mit Untersuchungsteil)
„Was empfiehlt die Fachgesellschaft bei Krankheit Z?“ Leitlinien — nicht Statistik
„Welche Studien laufen gerade zu meinem Thema?“ Studienregister — nicht Statistik

Die letzten beiden Zeilen sind wichtiger, als sie aussehen: Sie markieren die häufigste Verwechslung im Gesundheitsbereich. Leitlinien sind normative Dokumente und werden anders zitiert und anders bewertet — dazu gibt es den Beitrag zu AWMF-Leitlinien als Quelle. Und wer wissen will, welche Studien registriert sind, findet die Antwort im Vergleich der Studienregister DRKS und ClinicalTrials.gov. Statistik, Leitlinie und Register sind drei verschiedene Dinge — sie im Methodenteil sauber zu trennen ist ein Qualitätsmerkmal.

Was du im Methodenteil schreiben musst

Eine Sekundäranalyse mit RKI-Daten ist methodisch anspruchsvoller, als sie wirkt. Diese Punkte gehören in dein Methodenkapitel:

  1. Studie, Welle und Datenversion exakt benennen — nicht „GEDA-Daten“, sondern die konkrete Erhebungswelle.
  2. Die Gewichtung. Bevölkerungsrepräsentative Surveys liefern Gewichtungsvariablen. Wer sie ignoriert, rechnet auf einer Stichprobe statt auf einer Hochrechnung — und bekommt in der Verteidigung die Frage, warum die Randverteilungen nicht zur Bevölkerung passen.
  3. Das Studiendesign in einem Absatz: Erhebungsmodus, Zielpopulation, Ausschöpfung. Die Angaben stehen in der mitgelieferten Studienbeschreibung.
  4. Deine Fallauswahl. Wie viele Fälle bleiben nach deinen Filtern übrig, und warum?
  5. Der Umgang mit fehlenden Werten — bei Surveydaten der Regelfall, nicht die Ausnahme. Welches Verfahren wann zulässig ist, steht im Beitrag zu fehlenden Werten und ihren Mechanismen.
  6. Die Grenzen der Daten. Selbstauskunft, Querschnitt statt Längsschnitt, Nichtteilnahme bestimmter Gruppen: benennen, nicht verschweigen.

Häufige Fragen

Darf ich als Bachelor- oder Masterstudierende überhaupt ein Scientific Use File beantragen?

Der Antrag nennt Name und Kontaktdaten der antragstellenden Person beziehungsweise der beantragenden wissenschaftlichen Einrichtung. In der Praxis heißt das: Sprich früh mit deiner Betreuung, weil die Hochschule als wissenschaftliche Einrichtung Teil des Antrags ist. Kläre das, bevor du dein Design darauf aufbaust — nicht danach.

Was kostet das?

Für die Recherche in der GBE des Bundes fallen keine Kosten an; sie ist ausdrücklich kostenfrei zugänglich. Für Forschungsdaten gelten die Bedingungen des jeweiligen Datenangebots — kläre das im Erstkontakt mit dem FDZ, bevor du planst.

Wie lange dauert es wirklich?

Das RKI nennt für die Bearbeitung eines SUF-Antrags in der Regel eine Woche. Rechne trotzdem mit Vorlauf für das, was davor passiert: Absprache mit der Betreuung, Beschreibung des Forschungsvorhabens, Unterschriften. Realistisch sind zwei bis drei Wochen von der Idee bis zum Datensatz.

Kann ich die Daten nach der Arbeit behalten oder weitergeben?

Nein. Die Nutzung ist an die Vereinbarung gebunden, die du unterschrieben hast, und an das beschriebene Forschungsvorhaben. Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen. Plane deshalb auch die Löschung ein und dokumentiere sie.

Reicht eine Sekundäranalyse für eine Abschlussarbeit?

In vielen Studiengängen ja — und sie hat einen großen Vorteil: Du arbeitest mit einer Fallzahl und einer Datenqualität, die du selbst nie erreichen könntest. Was eine Sekundäranalyse methodisch ausmacht, steht im Beitrag zur Sekundäranalyse in der Bachelorarbeit.

Gibt es vergleichbare amtliche Daten außerhalb des Gesundheitsbereichs?

Ja, und die Logik ist dieselbe: aggregierte Tabellen frei, Mikrodaten auf Antrag. Ein gut dokumentiertes Beispiel mit einer besonders scharfen inhaltlichen Grenze sind die Kriminalitätsdaten der PKS.

Der Antrag ist der einfache Teil — die Fragestellung ist der schwere

Wer einmal verstanden hat, dass die Mikrodaten der großen deutschen Gesundheitssurveys innerhalb einer Woche zugänglich sind, stellt sich schnell die richtige Frage: nicht „wie komme ich an Daten“, sondern „welche Frage lässt sich mit genau diesen Variablen beantworten“. Die Variablenübersicht aus der Studiendokumentation zu lesen, bevor du deine Hypothesen festzurrst, ist der einzelne Schritt, der die meiste Arbeit spart.

Wenn du Fragestellung, Methodenteil und Quellen parallel aufbauen willst, kannst du deine Abschlussarbeit mit Tesify strukturieren und Studienbeschreibung, Variablenliste und Kapitelentwürfe an einem Ort halten, während der Antrag läuft. Die Auswertung bleibt deine Arbeit — die Ordnung übernimmt das Werkzeug.

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