Kriminalität ist eines der dankbarsten Themenfelder für empirische Abschlussarbeiten — in der Soziologie, der Sozialen Arbeit, der Psychologie, den Rechtswissenschaften und der Geographie. Die zentrale amtliche Datenquelle dafür ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamts. Sie ist frei zugänglich, reicht als Zeitreihe Jahrzehnte zurück — und wird in studentischen Arbeiten trotzdem regelmäßig falsch verwendet, weil ihre wichtigste Eigenschaft übersehen wird: Sie misst nicht die Kriminalität, sondern die polizeilich registrierte Kriminalität. Dieser Beitrag zeigt, was in der PKS steckt, was ausdrücklich nicht, und wie du sie in einer Abschlussarbeit sauber einsetzt.

Die wichtigste Erkenntnis zuerst: Hellfeld, nicht Kriminalität
Das BKA beschreibt den Inhalt der PKS so: Sie enthält „die der Polizei bekannt gewordenen rechtswidrigen Straftaten einschließlich der mit Strafe bedrohten Versuche, die Anzahl der ermittelten Tatverdächtigen und eine Reihe weiterer Angaben zu Fällen, Opfern oder Tatverdächtigen“. Der entscheidende Halbsatz ist der erste: der Polizei bekannt geworden. Taten, die niemand anzeigt und die die Polizei nicht selbst entdeckt, kommen in der Statistik nicht vor.
In der Kriminologie heißt dieser sichtbare Ausschnitt das Hellfeld; die nicht registrierten Taten bilden das Dunkelfeld. Für deine Arbeit folgt daraus eine harte Regel: Ein Anstieg der PKS-Zahlen kann mehr Kriminalität bedeuten — oder mehr Anzeigen, mehr Kontrollen oder geänderte Erfassung. Welche Erklärung zutrifft, kann die PKS allein nicht sagen. Formulierungen wie „die Kriminalität ist gestiegen“ sind aus PKS-Daten nicht ableitbar; korrekt ist „die polizeilich registrierten Fälle sind gestiegen“. Dieser eine Formulierungsunterschied trennt in der Bewertung saubere von unsauberen Arbeiten.
Was die PKS ausdrücklich nicht enthält
Das BKA benennt die Ausschlüsse selbst — und jede dieser Lücken hat schon studentische Forschungsdesigns zum Einsturz gebracht:
- Staatsschutzdelikte
- Verkehrsdelikte — wer „Kriminalität im Straßenverkehr“ untersuchen will, findet in der PKS die falsche Quelle
- Ordnungswidrigkeiten
- Delikte außerhalb des polizeilichen Aufgabenbereichs, zum Beispiel Finanz- und Steuerdelikte
- Straftaten, die unmittelbar bei der Staatsanwaltschaft angezeigt werden
Ebenso wichtig: Die PKS endet bei der polizeilichen Registrierung. Ob aus einem Fall eine Anklage oder eine Verurteilung wurde, steht in ihr nicht — ein Tatverdächtiger ist kein Verurteilter. Wer Aussagen über Verurteilungen treffen will, braucht die Rechtspflegestatistiken der Justiz, nicht die PKS. Die Verwechslung von Tatverdächtigen- und Täterzahlen ist einer der häufigsten inhaltlichen Fehler in Hausarbeiten mit Kriminalitätsbezug.
Was du konkret bekommst
Auf den PKS-Seiten des BKA stehen für jedes Berichtsjahr Tabellen zu Fällen, Opfern und Tatverdächtigen bereit, ergänzt um Zeitreihen ab 1987 — für Trendanalysen über Jahrzehnte. Dazu kommen die IMK-Berichte mit den zentralen Aussagen des Jahres und ausdrücklich auch Interpretationshilfen, die das BKA je Berichtsjahr unter „PKS-Tabellen und Interpretationshilfen“ bereitstellt. Lies diese Hinweise wirklich: Sie dokumentieren Erfassungsänderungen, die Zeitreihen verzerren können — genau das Material, das in ein Limitationen-Kapitel gehört.
Vier Eigenheiten des Datenangebots solltest du kennen, bevor du deine Fragestellung festlegst:
- Das PKS-Jahrbuch wurde nur bis zum Berichtsjahr 2019 erstellt. Für neuere Jahre gibt es keine Jahrbuch-PDF mehr, sondern die Tabellen und Berichte einzeln.
- Länderdaten je Delikt gab es als interaktive PDF-Angebote für die Berichtsjahre 2015 bis 2020; seit 2021 stellt das BKA diese Delikt-Informationen nur noch auf Bundesebene bereit. Regionale Vergleiche auf Landesebene laufen dann über die Statistiken der Landeskriminalämter.
- Seit dem Berichtsjahr 2024 gibt es zusätzlich „PKS-Ausland“ — Tabellen zu Fällen, bei denen die Tatverdächtigen im Ausland handelten, der Erfolgsort aber im Inland lag. Diese Fälle sind nicht in den übrigen PKS-Zahlen (PKS-Inland) enthalten. Wer Zeitreihen baut, darf die beiden Bestände nicht mischen.
- Veröffentlichungen erfolgen fortlaufend und werden aktualisiert — das BKA dokumentiert das in einem Änderungsnachweis. Notiere deshalb bei jedem Download das Abrufdatum und die Dateiversion.
So baust du eine PKS-Auswertung in die Abschlussarbeit ein
Der methodisch sauberste Zuschnitt für eine Bachelorarbeit ist deskriptiv: Entwicklung eines Deliktsbereichs über die Zeit, Struktur der Tatverdächtigen, Vergleich von Deliktsgruppen — jeweils mit dem Hellfeld-Vorbehalt als fester Bestandteil der Interpretation. Da die PKS aggregierte Tabellen liefert (keine Einzelfalldaten), gelten dieselben Regeln wie für jede Sekundäranalyse: Datenquelle, Berichtsjahre, Tabellen und Abrufdatum vollständig dokumentieren, Erhebungslogik im Methodenteil erklären. Das grundsätzliche Vorgehen beschreibt der Leitfaden zur Sekundäranalyse in der Bachelorarbeit.
Für erklärende Fragestellungen („Warum steigt X?“) reicht die PKS allein selten — dann kombinierst du sie mit Kontextdaten, etwa Bevölkerungs- und Sozialstruktur aus der amtlichen Statistik. Wie du an kleinräumige Vergleichsdaten kommst, zeigt der Beitrag zu regionalen Daten mit Zensus 2022 und Regionaldatenbank. Und wenn deine Fragestellung Individualdaten braucht (etwa zu Kriminalitätsfurcht oder Opfererfahrungen), führt der Weg zu Befragungsdaten der Forschungsdatenzentren — die Zugangswege erklärt der Beitrag zu Campus Files und Scientific Use Files.
Typische Fehler — und die Formulierung, die sie vermeidet
| Unsauber | Sauber |
|---|---|
| „Die Jugendkriminalität ist um 8 % gestiegen.“ | „Die Zahl der polizeilich registrierten Fälle mit jugendlichen Tatverdächtigen stieg um 8 %.“ |
| „X Täter wurden erfasst.“ | „X Tatverdächtige wurden ermittelt.“ |
| „Delikt Y ist in Bayern häufiger als in Hessen.“ (aus Bundestabellen) | Länderaussagen nur aus Länderdaten — und mit Anzeigeverhalten als Vorbehalt. |
| Zeitreihe 2015–2026 ohne Prüfung der Erfassungsänderungen | Zeitreihe mit Blick in die Interpretationshilfen der betroffenen Jahrgänge. |
Beispielfragestellungen, die mit der PKS funktionieren
Damit greifbar wird, was „deskriptiv, aber gehaltvoll“ heißt, drei Zuschnitte, die sich mit den frei verfügbaren Tabellen realistisch bearbeiten lassen:
- Soziale Arbeit: Wie hat sich die Struktur der polizeilich registrierten Fälle mit minderjährigen Tatverdächtigen über die Zeitreihe entwickelt — und was bedeuten Anzeigenverhalten und Kontrollintensität für die Interpretation? Die Arbeit gewinnt ihre Substanz aus der methodischen Reflexion, nicht aus der Kurve.
- Soziologie/Geographie: Deliktstruktur im Vergleich zweier Zeiträume, gespiegelt an sozialstrukturellen Kontextdaten aus der amtlichen Statistik. Hier liegt die Eigenleistung im Zusammenführen zweier Quellen mit unterschiedlicher Logik.
- Rechtswissenschaft/Kriminologie: Was verändert eine Gesetzesänderung im Hellfeld? Erfassungsänderungen in den Interpretationshilfen werden hier vom Störfaktor zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand.
Alle drei Zuschnitte haben gemeinsam, dass die Grenzen der Statistik nicht im letzten Absatz als Pflichtübung stehen, sondern tragender Teil der Analyse sind. Das ist der Unterschied zwischen „Daten abbilden“ und „mit Daten argumentieren“ — und der zweite Modus ist der, der bewertet wird.
Dokumentation: dein Schutz gegen die Aktualisierungsfalle
Weil das BKA Dateien fortlaufend veröffentlicht und aktualisiert, kann sich eine Tabelle zwischen deinem Download und der Abgabe deiner Arbeit ändern. Der Schutz dagegen ist banal und wirksam: Lege beim ersten Download eine Dokumentation an — Dateiname, Berichtsjahr, Tabellenbezeichnung, Abrufdatum, gegebenenfalls Versionsstand aus dem Änderungsnachweis — und archiviere die Originaldateien lokal. Wenn eine Prüferin eine Zahl nachrechnet und die Online-Tabelle inzwischen aktualisiert wurde, belegt deine Dokumentation, dass deine Zahl zum Abrufzeitpunkt korrekt war. Wie du eine solche Datendokumentation systematisch aufbaust, zeigt die Anleitung zum Codebuch für den eigenen Datensatz — dieselbe Logik gilt für heruntergeladene Sekundärdaten.
Der Einstieg in die Tabellen: von der Frage zur Datei
Der schnellste Weg in die Daten führt über die PKS-Seiten des jeweiligen Berichtsjahrs beim BKA. Beginne nicht mit dem Herunterladen, sondern mit einer Liste der Größen, die deine Fragestellung wirklich braucht: Fallzahlen oder Tatverdächtigenzahlen? Ein Deliktsbereich oder mehrere? Ein Jahr oder die Zeitreihe? Erst wenn diese Liste steht, suchst du die passenden Tabellen — sonst endest du mit einem Ordner voller Dateien und ohne Analyseplan. Für Zeitreihenfragen greifst du direkt zu den Zeitreihentabellen ab 1987, statt Jahreswerte aus einzelnen Berichtsjahren zusammenzustückeln; das reduziert Übertragungsfehler und stellt sicher, dass Erfassungsumstellungen einheitlich behandelt sind. Und lege die Interpretationshilfen der verwendeten Jahrgänge von Anfang an in denselben Ordner wie die Tabellen — du wirst sie beim Schreiben der Limitationen ohnehin brauchen.
Häufig gestellte Fragen
Ist die PKS kostenlos nutzbar?
Ja, die Tabellen, Zeitreihen und Berichte stehen auf der BKA-Website frei zum Download bereit. Für die Arbeit zitierst du das Berichtsjahr, die konkrete Tabelle und das Abrufdatum.
Kann ich mit der PKS das Dunkelfeld untersuchen?
Nein — das Dunkelfeld ist per Definition das, was die PKS nicht enthält. Aussagen über das Dunkelfeld stammen aus Befragungsstudien (Opferbefragungen, Selbstberichtsstudien). Die PKS kann aber der Hellfeld-Bezugspunkt sein, gegen den du Befragungsbefunde aus der Literatur spiegelst.
Warum weichen PKS-Zahlen von Justizstatistiken ab?
Weil sie verschiedene Stationen desselben Prozesses messen: die PKS die polizeiliche Registrierung, die Justizstatistiken spätere Verfahrensschritte. Zwischen Anzeige und Urteil scheiden viele Fälle aus — die Differenz ist normal und selbst ein lohnendes Thema.
Eignet sich die PKS für eine Jura-Arbeit?
Für kriminologische und rechtspolitische Fragestellungen ja; für dogmatische Arbeiten ist sie meist nur Kontext. Wie empirische Elemente überhaupt in eine juristische Arbeit passen, behandelt der Leitfaden zur Bachelorarbeit in Jura.
Wie zitiere ich eine PKS-Tabelle?
Mit Herausgeber (Bundeskriminalamt), Titel der Statistik, Berichtsjahr, Tabellennummer beziehungsweise -bezeichnung und Abrufdatum. Da das BKA Dateien fortlaufend aktualisiert, gehört das Abrufdatum zwingend dazu.
Reicht die PKS als einzige Quelle für den Forschungsstand?
Nein — sie ist deine Datenbasis, nicht dein Forschungsstand. Die kriminologische Literatur, die Hellfeld und Dunkelfeld theoretisch einordnet, gehört zwingend dazu; ohne sie kannst du deine eigenen Vorbehalte nicht begründen. Die Statistik liefert die Zahlen, die Literatur liefert den Rahmen, in dem die Zahlen etwas bedeuten.
Kann ich PKS-Daten mit eigenen Erhebungen kombinieren?
Ja, und das ist oft der stärkste Zuschnitt: eine kleine eigene Befragung — etwa zu Kriminalitätsfurcht oder Anzeigebereitschaft — vor dem Hintergrund der registrierten Fallzahlen. Die PKS liefert dann den Hellfeld-Kontext, deine Erhebung die Perspektive, die in der amtlichen Statistik fehlt. Beachte für den eigenen Teil die üblichen Anforderungen an Einwilligung und Datenschutz.
Fazit
Die PKS ist für Abschlussarbeiten eine der besten frei zugänglichen Datenquellen Deutschlands: lange Zeitreihen, klare Dokumentation, amtliche Herkunft. Ihre Grenzen sind ebenso klar dokumentiert — Hellfeld statt Kriminalität, definierte Deliktsausschlüsse, Jahrbuch nur bis 2019, Länderdetails je Delikt nur bis 2020, und seit 2024 der getrennte Bestand PKS-Ausland. Wer diese Grenzen im Methodenteil benennt, statt sie zu übersehen, macht aus einer Standardquelle ein methodisches Gütesiegel der eigenen Arbeit.
Wenn Datenbasis und Gliederung stehen, schreibst du Auswertung und Diskussion am besten dort, wo Quellenverwaltung und Kapitelstruktur zusammenlaufen: Starte deine Abschlussarbeit mit Tesify — geschrieben wird sie zu 100 % von dir.
