Theorie des geplanten Verhaltens in der Psychologie-Abschlussarbeit: Fragebogen nach Ajzen entwickeln und Hypothesen ableiten 2026

Die Theorie des geplanten Verhaltens (englisch Theory of Planned Behavior, TPB) von Icek Ajzen ist eine verbreitete Grundlage psychologischer Abschlussarbeiten, die erklären wollen, warum Menschen ein bestimmtes Verhalten zeigen oder nicht: Sport treiben, Hände desinfizieren, nachhaltig einkaufen, ein Lernprogramm nutzen. Sie ist beliebt, weil sie sich in einem Fragebogen überprüfen lässt und weil Ajzen selbst eine detaillierte Anleitung zur Fragebogenkonstruktion veröffentlicht hat. Sie wird aber oft oberflächlich angewendet: Konstrukte werden aufgezählt, Items frei formuliert, das Verhalten ungenau definiert. Dieser Beitrag zeigt, wie du die Theorie sauber anwendest, vom Modell über die Konstruktion der Items bis zu Hypothesen und Auswertung. Er verwendet die Originalquellen von Ajzen und eine Metaanalyse, damit du jede Aussage nachprüfen kannst. Einen Vergleich der TPB mit anderen Theorien für Marketingfragen findest du im Beitrag Welche Theorie für die Marketing-Abschlussarbeit; hier geht es um die Anwendung in der Psychologie.

Was besagt die Theorie des geplanten Verhaltens?

Nach Ajzen (1991, Organizational Behavior and Human Decision Processes 50, 179 bis 211) wird menschliches Verhalten von drei Arten von Überlegungen geleitet. Verhaltensüberzeugungen beziehen sich auf die wahrscheinlichen Folgen und Erfahrungen, die mit dem Verhalten verbunden sind. Normative Überzeugungen beziehen sich auf die normativen Erwartungen und das Verhalten wichtiger anderer Personen. Kontrollüberzeugungen beziehen sich auf das Vorhandensein von Faktoren, die die Ausführung des Verhaltens erleichtern oder erschweren. In ihrer Gesamtheit führen die Verhaltensüberzeugungen zu einer günstigen oder ungünstigen Einstellung gegenüber dem Verhalten, die normativen Überzeugungen zu wahrgenommenem sozialem Druck oder subjektiver Norm und die Kontrollüberzeugungen zu wahrgenommener Verhaltenskontrolle, einem Konstrukt, das eng mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit verwandt ist.

Allgemein gilt nach der Theorie: Je günstiger Einstellung und subjektive Norm und je größer die wahrgenommene Kontrolle, desto stärker sollte die Absicht sein, das Verhalten auszuführen. Absicht ist die unmittelbare Vorstufe des Verhaltens: Bei ausreichender tatsächlicher Kontrolle sollen Menschen ihre Absichten umsetzen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Soweit die wahrgenommene Kontrolle der tatsächlichen Kontrolle entspricht, kann sie als Stellvertreter dienen und zusätzlich zur Vorhersage des Verhaltens beitragen. Für deine Arbeit sind damit fünf Konstrukte zentral: Einstellung, subjektive Norm, wahrgenommene Verhaltenskontrolle, Absicht und Verhalten. Der Zusammenhang mit Selbstwirksamkeit ist wichtig, wenn du ein Instrument wie die Skala von Schwarzer und Jerusalem einsetzen willst; wie diese Skala funktioniert, beschreibt der Beitrag Selbstwirksamkeit in der Bachelorarbeit. Beachte aber, dass die TPB eine verhaltensspezifische Kontrolle meint; eine allgemeine Selbstwirksamkeitsskala misst etwas anderes.

Schematische Darstellung der Theorie des geplanten Verhaltens mit Einstellung, Norm, Kontrolle, Absicht und Verhalten
Das Modell der Theorie des geplanten Verhaltens: Einstellung, subjektive Norm und wahrgenommene Kontrolle führen zur Absicht und zum Verhalten.

Wie gut erklärt die Theorie Verhalten? Der Blick in die Metaanalyse

Armitage und Conner (2001) haben die Forschung zur TPB im British Journal of Social Psychology (Band 40, Seiten 471 bis 499) quantitativ zusammengefasst. Aus einer Datenbank von 185 unabhängigen Studien bis Ende 1997 ergab sich, dass die TPB 27 Prozent der Varianz im Verhalten und 39 Prozent der Varianz in der Absicht erklärte. Wenn das Verhalten per Selbstauskunft erfasst wurde, erklärte die TPB 11 Prozentpunkte mehr Varianz im Verhalten als bei objektiven oder beobachteten Messungen (31 gegenüber 21 Prozent). Die subjektive Norm erwies sich in der Regel als schwacher Prädiktor der Absicht; die Autoren führen das teilweise auf mangelhafte Messung und den Erweiterungsbedarf der normativen Komponente zurück. Für deine Arbeit bedeutet das: Erwarte keine perfekte Vorhersage, plane nach Möglichkeit eine Verhaltensmessung zu einem zweiten Zeitpunkt ein und diskutiere die Schwäche der subjektiven Norm, falls sie auch bei dir klein ausfällt.

Schritt 1: Das Verhalten genau definieren

Nach Ajzens Anleitung zur Konstruktion eines TPB-Fragebogens muss das interessierende Verhalten zuerst in seinen Bestandteilen Ziel, Handlung, Kontext und Zeit definiert werden. Sein Beispiel für Sport lautet: „Mindestens 20 Minuten, dreimal pro Woche in den nächsten drei Monaten Sport treiben.“ Daran sieht man, was Studierende oft falsch machen: „Gesundheitsverhalten“ oder „nachhaltiges Konsumieren“ sind keine definierten Verhaltensweisen. Ein sauber definiertes Verhalten für eine Bachelorarbeit wäre zum Beispiel: „In den kommenden vier Wochen an mindestens drei Tagen pro Woche ein Lernprotokoll führen.“ Die Definition bestimmt alle Items: Alle Aussagen müssen genau zu diesem Verhalten passen. Ajzen betont, dass die Items zum Verhaltenskriterium exakt kompatibel und auf die Person bezogen sein sollen.

Ebenso wichtig ist die Population. Ajzens Beispiel für Sport sind Patientinnen und Patienten nach einer Operation; nur diese Menschen gehören in die Untersuchung. Für deine Arbeit gilt: Definiere Zielgruppe und Setting (Studierende einer Hochschule, Beschäftigte einer Einrichtung, Mitglieder eines Vereins) so genau, dass jeder Leser versteht, für wen die Ergebnisse gelten.

Schritt 2: Items für die direkten Maße formulieren

Nach Ajzen werden für jedes der Hauptkonstrukte fünf bis sechs Items formuliert: Einstellung, subjektive Norm, wahrgenommene Verhaltenskontrolle und Absicht. Üblich sind siebenstufige bipolare Adjektivskalen. Die Einstellung wird mit instrumentellen und erfahrungsbezogenen Aspekten erfasst, zum Beispiel „Mindestens 20 Minuten, dreimal pro Woche in den nächsten drei Monaten Sport zu treiben, wäre schlecht bis gut und unangenehm bis angenehm“. Die subjektive Norm umfasst eine injunktive Komponente („Die meisten Menschen, die mir wichtig sind, billigen es, dass ich …“) und eine deskriptive („Die meisten Menschen wie ich haben … getan“). Die wahrgenommene Verhaltenskontrolle erfasst Fähigkeit („Ich bin zuversichtlich, dass ich … kann“) und Autonomie („Ob ich … tue, hängt von mir ab“). Die Absicht lautet zum Beispiel „Ich beabsichtige, … zu tun“. Zusätzlich kannst du vergangenes Verhalten erfassen; Ajzens Anleitung enthält dafür ein Beispielitem und weist darauf hin, dass es im Beispiel kein guter Prädiktor sein muss, weil das frühere Verhalten vor der Operation lag. Die genannten Beispiele stammen aus Ajzens Anleitung; übersetze sie sorgfältig, dokumentiere die Übersetzung mit Rückübersetzung und prüfe sie im Pretest.

Fragebogen mit siebenstufiger Antwortskala und Bleistift
Siebenstufige bipolare Skalen sind das übliche Antwortformat für die direkten Maße.

Beispiel: Items für das Lernprotokoll (illustrativ)

Für das oben definierte Verhalten könntest du die Items so formulieren (erfunden, nach dem Muster aus Ajzens Anleitung; in deiner Arbeit brauchst du fünf bis sechs je Konstrukt und einen Pretest):

  • Einstellung: „In den kommenden vier Wochen an mindestens drei Tagen pro Woche ein Lernprotokoll zu führen, wäre für mich … schlecht (1) bis gut (7)“ sowie „… unangenehm (1) bis angenehm (7)“.
  • Subjektive Norm: „Die meisten Menschen, die mir wichtig sind, finden, dass ich in den kommenden vier Wochen an mindestens drei Tagen pro Woche ein Lernprotokoll führen sollte … trifft nicht zu (1) bis trifft zu (7)“.
  • Wahrgenommene Kontrolle: „Ich bin zuversichtlich, dass ich in den kommenden vier Wochen an mindestens drei Tagen pro Woche ein Lernprotokoll führen kann … trifft nicht zu (1) bis trifft zu (7)“.
  • Absicht: „Ich beabsichtige, in den kommenden vier Wochen an mindestens drei Tagen pro Woche ein Lernprotokoll zu führen … unwahrscheinlich (1) bis wahrscheinlich (7)“.

Schritt 3: Die Pilotstudie zu den Überzeugungen

Wenn du nicht nur die direkten Maße, sondern auch die zugrunde liegenden Überzeugungen untersuchen willst, empfiehlt Ajzen eine Pilotstudie mit einer kleinen, für die Population repräsentativen Stichprobe. Darin werden die gut zugänglichen Verhaltensfolgen, normativen Bezugspersonen und Kontrollfaktoren in einem Freitextformat erhoben, individuell. Typische Fragen betreffen Vorteile und Nachteile des Verhaltens, positive und negative Gefühle, Personen oder Gruppen, die das Verhalten billigen oder missbilligen, Personen, die es am ehesten oder am seltensten zeigen, sowie Faktoren, die das Verhalten erleichtern oder erschweren. Eine Inhaltsanalyse der Antworten ergibt Listen der modalen salienten Überzeugungen, aus denen du die Items des Hauptfragebogens bildest. Die Pilotstudie liefert außerdem Daten zur Itemselektion: Jede Gruppe von Items soll eine hohe interne Konsistenz (zum Beispiel ein hoher Alpha-Koeffizient) haben, und die Konstrukte sollen diskriminante Validität zeigen; dafür müssen laut Ajzen pro Konstrukt unter Umständen ein oder zwei Items entfernt werden. Wie du Reliabilität und Validität prüfst, zeigt der Beitrag Reliabilität und Validität von Fragebögen prüfen.

Schritt 4: Hypothesen ableiten

Aus dem Modell ergeben sich klare Hypothesen. Das folgende Beispiel (illustrativ) bezieht sich auf das oben definierte Verhalten „in den kommenden vier Wochen an mindestens drei Tagen pro Woche ein Lernprotokoll führen“ bei Studierenden.

  1. H1: Je günstiger die Einstellung zum Führen eines Lernprotokolls, desto stärker die Absicht.
  2. H2: Je stärker die subjektive Norm, desto stärker die Absicht.
  3. H3: Je höher die wahrgenommene Verhaltenskontrolle, desto stärker die Absicht.
  4. H4: Je stärker die Absicht, desto häufiger das berichtete Verhalten vier Wochen später.
  5. H5: Die wahrgenommene Verhaltenskontrolle sagt das Verhalten über die Absicht hinaus vorher.

Prüfe, ob du Verhalten und Prädiktoren zu zwei Zeitpunkten erheben kannst. Erhebst du alles gleichzeitig, misst du nur Zusammenhänge zwischen Selbstauskünften, und die Vorhersage des Verhaltens bleibt begrenzt. Wie du Forschungsfrage und Hypothesen in der Psychologie sauber formulierst, steht im Beitrag Forschungsfrage und Hypothesen in der Psychologie.

Schritt 5: Auswertung und Berichterstattung

Die Auswertung folgt dem Modell. Für die Absicht rechnest du eine multiple Regression mit Einstellung, subjektiver Norm und wahrgenommener Verhaltenskontrolle als Prädiktoren; für das Verhalten eine Regression mit Absicht und wahrgenommener Kontrolle. Berichte die Reliabilität jeder Skala (Cronbachs Alpha), die Korrelationen der Konstrukte, die Regressionskoeffizienten und die erklärte Varianz. Vergleiche deine erklärte Varianz mit den Werten der Metaanalyse (27 Prozent für Verhalten und 39 Prozent für Absicht) und diskutiere Abweichungen, zum Beispiel durch die Art der Verhaltensmessung. Wenn du Mediationsmodelle prüfen willst (Absicht als Mediator zwischen Einstellung und Verhalten), hilft der Beitrag Mediation oder Moderation. Als Einschränkungen nennst du bei Selbstauskunft die Möglichkeit sozial erwünschten Antwortens und bei Querschnittsdaten die fehlende Aussage über Kausalität.

Eine alternative Theorie mit anderem Fokus ist die Selbstbestimmungstheorie, die statt Absichten die Qualität der Motivation betont; wie du sie anwendest, beschreibt der Beitrag Selbstbestimmungstheorie in der Psychologie-Abschlussarbeit. Überlege, welche Theorie besser zu deiner Fragestellung passt, und begründe die Wahl im Theorieteil.

Typische Fehler bei TPB-Arbeiten

  • Verhalten unscharf definiert: Ohne Ziel, Handlung, Kontext und Zeit passen die Items nicht zusammen.
  • Items frei erfunden: Wer Items nicht nach der Anleitung konstruiert oder prüft, riskiert unzuverlässige Skalen.
  • Allgemeine Selbstwirksamkeit statt verhaltensspezifischer Kontrolle: Das Konstrukt ist an das Verhalten gebunden.
  • Verhalten nur als Absicht gemessen: Formuliere vorsichtig, wenn du keine Verhaltensmessung hast.
  • Kausal interpretieren: Ein Querschnitt zeigt Zusammenhänge, keine Wirkungen.
  • Metaanalyse ignorieren: Ordne deine Ergebnisse in die bekannte Befundlage ein.

Checkliste vor der Erhebung

  1. Verhalten mit Ziel, Handlung, Kontext und Zeit definiert.
  2. Population festgelegt.
  3. Fünf bis sechs Items je Konstrukt formuliert und übersetzt, Pretest geplant.
  4. Pilotstudie zu Überzeugungen geplant, falls Überzeugungen untersucht werden.
  5. Hypothesen aus dem Modell abgeleitet.
  6. Verhaltensmessung zu einem zweiten Zeitpunkt geprüft.
  7. Auswertung und Vergleichswerte aus der Metaanalyse festgelegt.

Häufige Fragen zur Theorie des geplanten Verhaltens

Wer hat die Theorie des geplanten Verhaltens entwickelt?

Icek Ajzen. Die Standardquelle ist Ajzen (1991) im Journal Organizational Behavior and Human Decision Processes, Band 50, Seiten 179 bis 211.

Aus welchen Konstrukten besteht die Theorie?

Aus Einstellung, subjektiver Norm, wahrgenommener Verhaltenskontrolle, Absicht und Verhalten. Die Überzeugungen hinter den ersten drei Konstrukten lassen sich in einer Pilotstudie erheben.

Wie viele Items brauche ich pro Konstrukt?

Ajzen beschreibt fünf bis sechs Items je Hauptkonstrukt, die nach dem Pilottest auf zuverlässige und valide Items reduziert werden.

Welche Antwortskala wird verwendet?

Üblich sind siebenstufige bipolare Adjektivskalen. Die Items müssen exakt zum definierten Verhalten passen.

Wie viel Varianz erklärt die Theorie?

In der Metaanalyse von Armitage und Conner (2001) erklärte sie 27 Prozent der Varianz im Verhalten und 39 Prozent in der Absicht, mit höheren Werten bei Selbstauskunft.

Ist die subjektive Norm ein guter Prädiktor?

Nach der Metaanalyse ist sie meist ein schwacher Prädiktor der Absicht. Die Autoren führen das teilweise auf Messprobleme zurück.

Muss ich das Verhalten selbst messen?

Besser ja, zu einem zweiten Zeitpunkt. Wenn du nur die Absicht misst, formuliere vorsichtig und sprich nicht von tatsächlichem Verhalten.

Gleicht die wahrgenommene Verhaltenskontrolle der allgemeinen Selbstwirksamkeit?

Nein. Sie ist an das konkrete Verhalten gebunden. Eine allgemeine Selbstwirksamkeitsskala misst ein breiteres Konstrukt.

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