Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz als Bachelorarbeit-Thema: So strukturierst du die Logistik-Abschlussarbeit 2026

Kaum ein Thema in der Logistik und im Supply Chain Management ist 2026 so in Bewegung wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG): Die Sorgfaltspflichten gelten weiter, die Prüfung der Unternehmensberichte durch das BAFA ruht seit September 2025, und ein Änderungsgesetz liegt dem Bundestag vor, ist aber noch nicht verabschiedet. Genau diese Dynamik macht das LkSG zu einem ergiebigen, aber auch anspruchsvollen Bachelorarbeitsthema — dieser Beitrag zeigt dir, wie du es sauber eingrenzt und methodisch bearbeitest.

Warum das LkSG 2026 ein besonders aktuelles Thema ist

Das LkSG gilt laut Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) seit dem 1. Januar 2023 für Unternehmen mit mindestens 3.000 Beschäftigten; seit dem 1. Januar 2024 sind Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten erfasst. Nach dem Kabinettsbeschluss der Bundesregierung vom 3. September 2025 zur Novellierung des LkSG kündigte das BAFA an, die Prüfung von Unternehmensberichten nach §§ 12 und 13 LkSG einzustellen. Der Gesetzentwurf sieht laut BAFA vor, die Berichtspflicht ersatzlos und rückwirkend zu streichen, ebenso neun von dreizehn Ordnungswidrigkeitentatbeständen. Der Bundestag beriet den Entwurf am 16. Januar 2026 in erster Lesung; bis Ende August 2026 war die Änderung noch nicht beschlossen. Für deine Bachelorarbeit bedeutet das: Prüfe den Gesetzesstand zum Zeitpunkt deiner Abgabe erneut und kennzeichne jede Aussage zum Reformgesetz explizit als „geplant“ oder „im Gesetzgebungsverfahren“, solange es nicht in Kraft getreten ist.

Die Sorgfaltspflichten im Überblick

§ 3 Abs. 1 LkSG zählt die Sorgfaltspflichten auf: die Einrichtung eines Risikomanagements, die Festlegung einer betriebsinternen Zuständigkeit, regelmäßige Risikoanalysen, die Abgabe einer Grundsatzerklärung, Präventionsmaßnahmen im eigenen Geschäftsbereich und gegenüber unmittelbaren Zulieferern, Abhilfemaßnahmen, die Einrichtung eines Beschwerdeverfahrens, die Umsetzung von Sorgfaltspflichten in Bezug auf Risiken bei mittelbaren Zulieferern sowie Dokumentation und Berichterstattung — wobei gerade die Berichterstattung Gegenstand der geplanten Streichung ist. Die Pflichten gelten als Bemühenspflichten: Unternehmen müssen angemessene Vorkehrungen nachweisen, ohne einen bestimmten Erfolg garantieren zu müssen. Für deine Bachelorarbeit ist diese Unterscheidung zwischen Bemühens- und Erfolgspflicht ein wichtiger rechtlicher Rahmen, der sich gut mit einer praxisorientierten Fragestellung verbinden lässt: Wie interpretieren Unternehmen in der Praxis, was eine „angemessene“ Vorkehrung ist?

Eingrenzung: vier mögliche Teilthemen

  • Risikoanalyse bei unmittelbaren Zulieferern: Wie strukturieren Unternehmen ihre Risikoanalyse nach § 5 LkSG in der Praxis?
  • Herausforderung mittelbare Zulieferer: Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei den (anlassbezogenen) Pflichten gegenüber Zulieferern jenseits der ersten Stufe?
  • Auswirkungen auf kleine und mittlere Zulieferer: Wie erleben KMU als Zulieferer großer, LkSG-pflichtiger Unternehmen die durchgereichten Anforderungen (Kaskadeneffekt)?
  • LkSG im Vergleich zur EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD): Wie unterscheiden sich Anwendungsbereich und Anforderungen beider Regelwerke, und was bedeutet das für Unternehmen in der Übergangsphase?

Wähle eines dieser Teilthemen und grenze es zusätzlich auf eine Branche (z. B. Automobilzulieferer, Textillogistik) oder einen bestimmten Prozessschritt ein — „Das LkSG in der Logistik“ allein ist für eine Bachelorarbeit noch zu breit.

Der Kaskadeneffekt: warum auch nicht-pflichtige KMU betroffen sind

Auch Unternehmen, die selbst unterhalb der 1.000-Beschäftigten-Schwelle liegen und damit nicht direkt LkSG-pflichtig sind, können die Wirkung des Gesetzes spüren: Pflichtige Abnehmerunternehmen geben Anforderungen an ihre Zulieferer weiter — etwa durch Verhaltenskodizes, Selbstauskünfte oder Auditanforderungen. Das BAFA hat eigene Handreichungen zur Zusammenarbeit in der Lieferkette veröffentlicht, die auch zeigen, wo die gesetzlichen Grenzen der Einbeziehung von Zulieferern liegen. Dieser sogenannte Kaskadeneffekt ist ein eigenständiges, gut eingrenzbares Forschungsfeld: Wie erleben KMU-Zulieferer diese durchgereichten Anforderungen, welchen Aufwand verursachen sie, und wie verändert sich dadurch die Beziehung zwischen Abnehmer und Zulieferer? Für eine Bachelorarbeit eignet sich hier besonders eine Fallstudie mit ein bis zwei KMU aus einer konkreten Branche.

Ein KMU-Zulieferer prüft die vom Großkunden weitergegebenen Sorgfaltspflichten-Anforderungen
Der Kaskadeneffekt bringt auch nicht-pflichtige KMU-Zulieferer mit LkSG-Anforderungen in Berührung.

Beispiel-Ausarbeitung: Risikoanalyse bei unmittelbaren Zulieferern (illustrativ)

Das folgende Beispiel ist als Orientierung gedacht und ersetzt nicht deine eigene, mit der Betreuung abgestimmte Themenformulierung.

Baustein Beispielhafte Ausarbeitung
Problemstellung Die vom LkSG geforderte Risikoanalyse bei einer großen Zahl unmittelbarer Zulieferer praktikabel und ressourceneffizient umzusetzen, ist für viele Unternehmen eine Herausforderung (in deiner Arbeit mit Quellen zu belegen).
Forschungsfrage Welche Kriterien nutzen Einkaufs- und Compliance-Abteilungen mittelständischer Industrieunternehmen zur Priorisierung von Zulieferern in der LkSG-Risikoanalyse?
Zielsetzung Ein Überblick über in der Praxis verwendete Priorisierungskriterien und deren Passung zu den Vorgaben nach § 5 LkSG und den BAFA-Handreichungen zur Risikoanalyse.
Methodisches Vorgehen Leitfadengestützte Experteninterviews mit Compliance- oder Einkaufsverantwortlichen aus zwei bis drei Unternehmen, ausgewertet mittels qualitativer Inhaltsanalyse.
Datenquellen Interviewdaten, ergänzt durch öffentlich zugängliche LkSG-Berichte und Grundsatzerklärungen der untersuchten oder vergleichbarer Unternehmen.

Wie du einen solchen Interviewleitfaden aufbaust und auswertest, zeigt unser Beitrag Experteninterview für die Abschlussarbeit.

Wo du Daten und Quellen findest

Für eine Dokumentenanalyse eignen sich die LkSG-Berichte, die berichtspflichtige Unternehmen nach § 10 Abs. 2 LkSG auf ihrer Internetseite öffentlich zugänglich machen mussten, sowie Grundsatzerklärungen und Nachhaltigkeitsberichte. Für Lage- und Nachhaltigkeitsberichte bietet sich außerdem das Unternehmensregister an; einen praktischen Überblick bietet unser Beitrag Unternehmensdaten für die BWL-Abschlussarbeit. Für Experteninterviews mit Compliance- oder Einkaufsverantwortlichen brauchst du realistischerweise persönliche Kontakte oder eine gezielte Ansprache über berufliche Netzwerke — plane dafür ausreichend Vorlaufzeit ein, da Unternehmensvertreterinnen und -vertreter zu Compliance-Themen oft zurückhaltend sind.

Einkaufs- und Compliance-Verantwortliche bei der Risikoanalyse von Lieferanten
Interviews mit Einkaufs- und Compliance-Verantwortlichen sind ein gängiger methodischer Zugang zu diesem Thema.

Theoretischer Rahmen für dein Thema

Für Logistik- und Supply-Chain-Themen bieten sich etablierte Theorien wie die Transaktionskostentheorie oder der Bullwhip-Effekt als Rahmen an, je nachdem, ob dein Fokus eher auf Governance-Kosten der Compliance oder auf Informationsweitergabe entlang der Lieferkette liegt. Für Themen zum Kaskadeneffekt eignet sich zusätzlich die Prinzipal-Agent-Theorie, um das Machtgefälle zwischen großem Abnehmer und kleinerem Zulieferer zu rahmen. Einen Überblick über diese und weitere Theorien für Logistik-Abschlussarbeiten findest du in unserem Beitrag Theoretische Modelle für Logistik- und Supply-Chain-Arbeiten.

Zeitplan für dein LkSG-Thema (illustrativ)

Der folgende Zeitplan ist ein frei konstruiertes Beispiel und ersetzt nicht die individuelle Absprache mit deiner Betreuung.

  • Wochen 1–2: Rechtsstand recherchieren, Teilthema und Branche eingrenzen, theoretischen Rahmen wählen
  • Wochen 3–4: Interviewpartnerinnen und -partner akquirieren (realistisch der zeitaufwendigste Schritt), Leitfaden entwickeln
  • Wochen 5–7: Interviews durchführen und transkribieren
  • Wochen 8–9: Auswertung und Diskussion der Ergebnisse
  • Wochen 10–12: Verschriftlichung, Aktualisierung des Rechtsstands, Abgabe

Der aktuelle Rechtsstand — und wie du ihn in der Arbeit korrekt darstellst

Da sich die Rechtslage zum LkSG im Verlauf deiner Bearbeitungszeit ändern kann, empfiehlt sich ein kurzer, datierter Absatz zu Beginn deines Methodik- oder Hintergrundkapitels: „Stand der Gesetzgebung zum [Datum]“. Zitiere dabei die konkrete Primärquelle (Gesetzestext, BAFA-Website, Bundestagsdrucksache) statt sekundärer Zusammenfassungen, und aktualisiere diesen Absatz unmittelbar vor der Abgabe noch einmal. Vermeide es, das geplante Änderungsgesetz als bereits geltendes Recht darzustellen, solange es nicht verabschiedet ist — das ist ein naheliegender faktischer Fehler bei diesem Thema.

Wie die BAFA-Aussetzung deine Datenlage beeinflusst

Die Einstellung der Berichtsprüfung durch das BAFA seit September 2025 hat eine mögliche Konsequenz für deine Datensuche: Unternehmen könnten seitdem weniger Anreiz haben, neue LkSG-Berichte zu veröffentlichen oder bestehende zu aktualisieren, solange der Ausgang des Änderungsgesetzes offen ist. Prüfe deshalb bei jeder Dokumentenquelle das Veröffentlichungsdatum und ordne es explizit in die Zeitlinie ein — ein Bericht aus dem Jahr 2024 ist vor diesem Hintergrund anders zu bewerten als einer aus dem Jahr 2026. Diese Einordnung zeigt Gutachtenden, dass du die regulatorische Dynamik des Themas verstanden hast.

Wie du die Reformdebatte selbst als Teil deiner Argumentation nutzt

Statt die Unsicherheit rund um das Änderungsgesetz als Störfaktor zu behandeln, kannst du sie produktiv in deine Diskussion einbauen: Analysiere, welche der von dir untersuchten Unternehmenspraktiken auch nach einem möglichen Wegfall der Berichtspflicht voraussichtlich bestehen bleiben würden (etwa weil sie aus Kundenanforderungen oder internationalen Standards wie den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und den OECD-Leitsätzen resultieren), und welche vor allem als Reaktion auf die Berichtspflicht selbst entstanden sind. Diese Unterscheidung macht deine Arbeit robuster gegenüber einer möglichen Gesetzesänderung nach Abgabe.

Abgrenzung zu anderen Nachhaltigkeitsthemen in der Logistik

Das LkSG betrifft menschenrechtliche und bestimmte umweltbezogene Sorgfaltspflichten in der Lieferkette — verwechsle es nicht mit angrenzenden, aber eigenständigen Themen wie der CO2-Bilanzierung von Transportketten, der EU-Batterieverordnung oder allgemeinen Nachhaltigkeitsberichtspflichten nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Wenn dein eigentliches Interesse eher der ökologischen Berichterstattung gilt, prüfe, ob eines dieser verwandten, aber rechtlich getrennten Themen die passendere Wahl ist.

Wie belastbar deine Ergebnisse angesichts der Reformdebatte bleiben

Ein berechtigter Einwand gegen Themen mit hoher regulatorischer Dynamik lautet: Lohnt sich die Mühe, wenn sich die Rechtslage kurz nach Abgabe ändern könnte? Für eine Bachelorarbeit ist das kein Ausschlusskriterium, solange du deine Kernaussagen nicht allein auf den exakten Gesetzestext, sondern auf die dahinterliegenden organisationalen Praktiken stützt. Eine gut geführte Fallstudie zur Risikoanalyse oder zum Kaskadeneffekt bleibt auch dann aussagekräftig, wenn sich einzelne Berichtspflichten später ändern — solange du diese Trennung zwischen Rechtsrahmen und organisationaler Praxis in deiner Diskussion explizit machst.

Häufige Fehler bei diesem Thema

  • Veralteter Schwellenwert: Der ursprüngliche Schwellenwert von 3.000 Beschäftigten (2023) wird zitiert, statt die seit 2024 geltende Schwelle von 1.000 Beschäftigten.
  • Reformgesetz als geltendes Recht dargestellt: Das noch nicht verabschiedete Änderungsgesetz wird beschrieben, als wäre es bereits in Kraft.
  • Thema zu breit gelassen: „Das LkSG in der Logistik“ statt eines konkreten Teilthemas mit klarer Branche oder Prozessstufe.
  • CSDDD und LkSG vermischt: Die EU-Richtlinie und das deutsche Gesetz haben unterschiedliche Anwendungsbereiche und Zeitpläne — halte sie in der Arbeit klar auseinander.
  • Fehlende Aktualisierung vor Abgabe: Der Rechtsstand wird zu Beginn der Bearbeitungszeit recherchiert, aber vor der Abgabe nicht mehr überprüft.
  • LkSG mit CO2-/ESG-Themen verwechselt: Sorgfaltspflichten in der Lieferkette werden mit Nachhaltigkeitsberichtspflichten (CSRD) vermengt, obwohl es sich um getrennte Regelwerke handelt.

Häufig gestellte Fragen zum LkSG als Bachelorarbeitsthema

Gilt das LkSG 2026 noch in seiner ursprünglichen Form?

Die Sorgfaltspflichten gelten weiter; die Prüfung der Unternehmensberichte durch das BAFA ruht seit September 2025, und ein Änderungsgesetz, das unter anderem die Berichtspflicht streichen soll, befand sich im Spätsommer 2026 noch im Gesetzgebungsverfahren. Prüfe den aktuellen Stand zum Zeitpunkt deiner Abgabe.

Ab wie vielen Beschäftigten gilt das LkSG aktuell?

Seit dem 1. Januar 2024 gilt die Schwelle von 1.000 Beschäftigten — nicht mehr die ursprüngliche Schwelle von 3.000 Beschäftigten aus dem Jahr 2023.

Ist das LkSG dasselbe wie die EU-Lieferkettenrichtlinie CSDDD?

Nein. Das LkSG ist deutsches Recht, die CSDDD eine EU-Richtlinie mit eigenen Schwellenwerten und eigenem Zeitplan — beide sollten in deiner Arbeit klar unterschieden werden.

Wie komme ich an LkSG-Berichte für eine Dokumentenanalyse?

Berichtspflichtige Unternehmen mussten ihre LkSG-Berichte auf der eigenen Internetseite öffentlich zugänglich machen. Prüfe zusätzlich, ob dein Untersuchungszeitraum vor oder nach der Einstellung der BAFA-Berichtsprüfung im September 2025 liegt, da dies die Vergleichbarkeit älterer und neuerer Berichte beeinflussen kann.

Brauche ich für Experteninterviews mit Unternehmen eine Ethikkommission?

Für Interviews mit Berufstätigen zu ihrer beruflichen Tätigkeit ist in der BWL/Logistik oft kein Ethikvotum erforderlich, anders als bei vulnerablen Gruppen — kläre die konkrete Erwartung aber mit deiner Betreuung und deiner Hochschule.

Wie gehe ich damit um, dass sich die Rechtslage während meiner Bearbeitungszeit ändern könnte?

Datiere jede Aussage zum Rechtsstand explizit und aktualisiere den entsprechenden Absatz unmittelbar vor der Abgabe noch einmal anhand der Originalquelle, nicht anhand sekundärer Zusammenfassungen.

Was ist der Kaskadeneffekt und warum ist er ein eigenständiges Thema?

Der Kaskadeneffekt beschreibt, wie pflichtige Unternehmen Anforderungen vertraglich an nicht-pflichtige Zulieferer weitergeben. Er ist ein eigenständiges Forschungsfeld, weil er auch Unternehmen betrifft, die selbst nicht unter das LkSG fallen.

Sollte ich mich auf das LkSG oder die CSRD konzentrieren, wenn mich Nachhaltigkeit generell interessiert?

Das hängt von deinem Interesse ab: Das LkSG behandelt menschenrechtliche und bestimmte umweltbezogene Sorgfaltspflichten in der Lieferkette, die CSRD die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Kläre mit deiner Betreuung, welches Regelwerk besser passt.

Was bedeutet „Bemühenspflicht“ im Kontext des LkSG?

Unternehmen müssen angemessene, nachvollziehbare Vorkehrungen treffen, ohne einen bestimmten Erfolg (z. B. die vollständige Verhinderung aller Menschenrechtsverletzungen in der Lieferkette) garantieren zu müssen — dies unterscheidet Bemühens- von Erfolgspflichten.

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