Berichtsrichtlinien jenseits von PRISMA 2026: STROBE, CONSORT, COREQ und SRQR richtig auswählen

PRISMA kennst du wahrscheinlich schon — spätestens dann, wenn du ein systematisches Literaturreview schreibst. Was viele Studierende überrascht: PRISMA ist nur eine von mehreren Berichtsrichtlinien, und für die meisten empirischen Abschlussarbeiten ist es nicht die richtige. Wer Fragebogendaten erhebt, Interviews führt oder eine Kohorte auswertet, braucht eine andere Checkliste. Dieser Leitfaden zeigt dir, welche Richtlinie zu welchem Studientyp gehört und wie du sie in deiner Bachelor- oder Masterarbeit konkret einsetzt.

Die kurze Antwort: welche Richtlinie für welchen Studientyp?

Berichtsrichtlinien (englisch reporting guidelines) sind Checklisten, die festlegen, welche Informationen ein Forschungsbericht enthalten muss, damit andere ihn nachvollziehen und bewerten können. Sie schreiben dir nicht vor, wie du forschst — sie schreiben vor, was du berichtest. Genau diese Unterscheidung wird in Abschlussarbeiten am häufigsten verwechselt.

Dein Studientyp Passende Richtlinie Typisch in
Systematisches Review / Meta-Analyse PRISMA 2020 alle Fächer
Beobachtungsstudie (Kohorte, Fall-Kontroll, Querschnitt) STROBE Medizin, Public Health, Psychologie, Pflege
Randomisierte kontrollierte Studie CONSORT 2025 Medizin, Sportwissenschaft, Interventionsforschung
Interviews und Fokusgruppen COREQ Pflege, Soziale Arbeit, Gesundheitswissenschaften
Qualitative Forschung allgemein SRQR Erziehungswissenschaft, Soziologie, Medizindidaktik
Entscheidungsbaum zur Zuordnung von Studiendesign zu passender Berichtsrichtlinie
Die Zuordnung folgt dem Studiendesign — nicht dem Fach und nicht der Gewohnheit.

Die meisten quantitativen Bachelorarbeiten mit Fragebogen sind methodisch Querschnittstudien — und damit STROBE-Fälle, nicht PRISMA-Fälle. Das ist der häufigste Zuordnungsfehler. Wenn du tatsächlich ein systematisches Review schreibst, findest du das vollständige Vorgehen in unserem Leitfaden zum systematischen Literaturreview nach PRISMA 2020.

Wo diese Richtlinien herkommen: das EQUATOR Network

Alle genannten Checklisten sind über das EQUATOR Network zugänglich, eine internationale Initiative zur Verbesserung der Berichtsqualität in der Gesundheitsforschung. EQUATOR pflegt eine durchsuchbare Bibliothek der Richtlinien und verlinkt jeweils die Originalpublikation und die Checkliste zum Download.

Für dich ist das praktisch relevant, weil du damit zwei Dinge belegen kannst: erstens, dass du deine Berichtsstruktur nicht selbst erfunden hast, und zweitens, dass du die aktuell gültige Fassung verwendest. Beides sind Punkte, die in der Methodikbewertung regelmäßig auffallen.

Ein Hinweis zur Reichweite: EQUATOR kommt aus der Gesundheitsforschung, und die bekanntesten Richtlinien sind dort entstanden. Das heißt nicht, dass sie nur für Medizin gelten. Eine Querschnittsbefragung in der Betriebswirtschaft folgt derselben Berichtslogik wie eine in der Pflegewissenschaft — die Fragen nach Stichprobenziehung, Ausfallgründen und Umgang mit fehlenden Werten sind fachunabhängig.

STROBE: Beobachtungsstudien

STROBE steht für Strengthening the Reporting of Observational Studies in Epidemiology. Die Richtlinie deckt laut der Autorengruppe ausdrücklich die drei wichtigsten analytischen Designs der Beobachtungsforschung ab: Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien und Querschnittstudien.

Auf der offiziellen STROBE-Checklistenseite findest du sowohl eine kombinierte Checkliste für alle drei Designs als auch getrennte Versionen pro Design — jeweils als PDF und als Word-Datei. Für eine Abschlussarbeit ist die designspezifische Version meist die bessere Wahl, weil sie keine Punkte enthält, die auf deine Studie nicht zutreffen.

So setzt du STROBE praktisch ein

  1. Lade die Checkliste für dein Design herunter, bevor du das Methodikkapitel schreibst — nicht danach.
  2. Arbeite die Punkte als Schreibplan ab: jeder Checklistenpunkt wird zu mindestens einem Satz im Text.
  3. Trage in die rechte Spalte die Seitenzahl ein, auf der der Punkt erfüllt ist.
  4. Lege die ausgefüllte Checkliste als Anhang bei, wenn deine Prüfungsordnung Anhänge zulässt.

Der letzte Schritt ist der, den fast niemand macht — und genau deshalb wirkt er. Eine ausgefüllte Checkliste im Anhang signalisiert deiner Betreuung, dass die Methodik systematisch und nicht nach Gefühl dokumentiert wurde.

Ein durchgerechnetes Beispiel

Angenommen, du befragst 180 Studierende einmalig online zu ihrer Mediennutzung. Das ist eine Querschnittstudie. STROBE verlangt dann unter anderem, dass du das Setting und den Erhebungszeitraum benennst, die Auswahlkriterien für Teilnehmende beschreibst, die Zahl der Personen auf jeder Stufe angibst (angeschrieben, begonnen, vollständig, ausgewertet) und erklärst, wie du mit fehlenden Werten umgegangen bist.

Genau die dritte Angabe fehlt in studentischen Arbeiten fast immer. Statt „Es nahmen 180 Personen teil“ gehört dort hin: „Der Link wurde an 640 Personen verteilt, 214 begannen die Befragung, 180 Fragebögen waren vollständig und gingen in die Auswertung ein.“ Das ist derselbe Datensatz — nur nachvollziehbar berichtet. Für den Aufbau der Erhebung selbst hilft dir unsere Anleitung zum Fragebogen für die Bachelorarbeit.

CONSORT 2025: randomisierte kontrollierte Studien

Wenn deine Arbeit eine Intervention mit Randomisierung enthält — etwa ein Trainingsprogramm, eine Lernintervention oder eine Therapievariante — ist CONSORT die zuständige Richtlinie.

Wichtig für 2026: Es gibt eine aktualisierte Fassung. Das CONSORT 2025 Statement (Hopewell et al.) wurde laut EQUATOR gleichzeitig in fünf Fachzeitschriften veröffentlicht; die zugehörige Explanation-and-Elaboration-Publikation erschien im BMJ 2025 (388:e081124). Die ältere Fassung CONSORT 2010 ist damit überholt.

Zitierst du in deiner Arbeit noch CONSORT 2010, ist das ein leicht vermeidbarer Aktualitätsfehler. Prüfe die Fassung, bevor du das Methodikkapitel abgibst.

COREQ: Interviews und Fokusgruppen

COREQ (Consolidated Criteria for Reporting Qualitative Research) ist die bekannteste Checkliste für qualitative Erhebungen mit Interviews oder Fokusgruppen. Die Originalpublikation ist Tong, Sainsbury und Craig, erschienen im International Journal for Quality in Health Care 2007, Band 19, Heft 6, Seiten 349–357. Es handelt sich um eine 32-Punkte-Checkliste.

Für eine deutsche Abschlussarbeit ist COREQ vor allem deshalb wertvoll, weil es Punkte abfragt, die in studentischen Arbeiten fast immer fehlen: Wer hat das Interview geführt? Welche Vorbeziehung bestand zu den Befragten? Wurde das Transkript den Teilnehmenden zur Prüfung vorgelegt? Wie viele Personen waren bei der Kodierung beteiligt?

Diese Angaben sind nicht Bürokratie — sie sind der Kern der Nachvollziehbarkeit qualitativer Forschung. Wenn du sie ergänzt, verbesserst du die methodische Qualität deiner Arbeit real und nicht nur formal. Inhaltlich schließt COREQ direkt an die Gütekriterien qualitativer Forschung nach Lincoln, Guba und Mayring an: COREQ fragt ab, was diese Kriterien inhaltlich verlangen.

SRQR: qualitative Forschung jenseits von Interviews

SRQR steht für Standards for Reporting Qualitative Research und ist breiter angelegt als COREQ. Die Checkliste ist über den EQUATOR-Eintrag zu SRQR zugänglich und eignet sich für qualitative Designs, die nicht auf Interviews oder Fokusgruppen beruhen — etwa Dokumentenanalysen, Beobachtungsstudien oder ethnografische Arbeiten.

Faustregel: Hast du Interviews oder Fokusgruppen geführt, nimm COREQ. Hast du qualitativ gearbeitet, aber anders erhoben, nimm SRQR. Beides gleichzeitig anzugeben ist möglich, aber nur sinnvoll, wenn deine Arbeit tatsächlich beide Erhebungsformen enthält.

Die Richtlinie richtig zitieren

Eine Berichtsrichtlinie wird wie jede andere Publikation zitiert — über ihren Zeitschriftenaufsatz, nicht über die Website. Bei COREQ ist das Tong, Sainsbury und Craig (2007); bei CONSORT die Fassung von Hopewell und Kolleginnen und Kollegen aus dem Jahr 2025. Die Website des EQUATOR Network ist dabei die Fundstelle, über die du zur Originalpublikation kommst, nicht die Quelle selbst.

Wenn du zusätzlich die ausgefüllte Checkliste in den Anhang legst, verweist du im Methodikkapitel einmal darauf („siehe Anhang B“). Mehr braucht es nicht. Wie du Aufsätze aus Fachzeitschriften formal korrekt angibst, steht in unserer Anleitung zum Literaturverzeichnis für alle Zitierweisen.

Wie du die Richtlinie in deiner Arbeit sichtbar machst

Es reicht nicht, die Checkliste heimlich zu benutzen. Mach sie explizit:

  • Im Methodikkapitel: Ein Satz genügt — „Die Berichterstattung dieser Arbeit orientiert sich an der STROBE-Checkliste für Querschnittstudien.“ Wie das Kapitel insgesamt aufgebaut wird, zeigt unsere Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Methodik-Teil.
  • Im Literaturverzeichnis: Zitiere die Originalpublikation der Richtlinie, nicht nur die Website.
  • Im Anhang: Die ausgefüllte Checkliste mit Seitenverweisen.

Wenn deine Betreuung keine Berichtsrichtlinie verlangt hat, ist das kein Grund, darauf zu verzichten. Es ist ein Grund, es zu erwähnen — freiwillige methodische Sorgfalt wird in der Bewertung selten übersehen.

Struktur statt Chaos im Methodikkapitel. Wenn du deine Gliederung an einer Checkliste ausrichtest, brauchst du ein Dokument, das mitwächst — Kapitel für Kapitel, mit sauberem Literaturverzeichnis. Starte deine Arbeit kostenlos mit Tesify und behalte Methodik und Quellen an einem Ort.

Was Berichtsrichtlinien nicht leisten

Eine Checkliste macht eine schwache Studie nicht stark. Sie macht sie nur ehrlich. Wenn deine Stichprobe klein und selektiv ist, wird STROBE dich zwingen, das zu schreiben — es wird die Einschränkung nicht beseitigen.

Genau darin liegt aber der Nutzen für eine Abschlussarbeit. Prüferinnen und Prüfer bewerten selten die Größe der Stichprobe, sondern fast immer, ob du ihre Grenzen erkannt und benannt hast. Eine Arbeit, die ihre Schwächen präzise beschreibt, steht methodisch besser da als eine, die sie verschweigt und dabei hofft, dass niemand nachfragt.

Drei Fehler, die immer wieder vorkommen

Fehler 1: PRISMA für eine empirische Erhebung. PRISMA beschreibt, wie du Literatur gesucht und ausgewählt hast. Wenn du eigene Daten erhoben hast, ist PRISMA höchstens für dein Literaturkapitel relevant — nicht für die Studie selbst.

Fehler 2: Die Richtlinie nachträglich anwenden. Checklisten funktionieren als Schreibplan, nicht als Prüfsiegel. Wer sie erst nach dem Schreiben durchgeht, findet Lücken, die sich ohne neue Datenerhebung nicht mehr schließen lassen.

Fehler 3: Eine überholte Fassung zitieren. Besonders bei CONSORT relevant, siehe oben. Prüfe bei jeder Richtlinie kurz das Publikationsjahr der aktuellen Version.

Häufig gestellte Fragen

Muss ich für eine Bachelorarbeit überhaupt eine Berichtsrichtlinie verwenden?

Vorgeschrieben ist es selten. Sinnvoll ist es fast immer. Eine Berichtsrichtlinie ersetzt die Frage „Habe ich alles Wichtige beschrieben?“ durch eine abarbeitbare Liste — das reduziert Rückfragen der Betreuung erheblich.

Was mache ich, wenn meine Studie in keine Kategorie passt?

Dann nimm die Richtlinie, die deinem Design am nächsten kommt, und begründe die Abweichung in einem Satz. Die Bibliothek des EQUATOR Network enthält deutlich mehr Richtlinien als die hier vorgestellten fünf; eine Suche nach deinem Studientyp lohnt sich.

Kann ich COREQ und STROBE in einer Mixed-Methods-Arbeit kombinieren?

Ja, und bei Mixed Methods ist das sogar der saubere Weg: STROBE für den quantitativen Teil, COREQ für den qualitativen. Beschreibe im Methodikkapitel kurz, welche Checkliste für welchen Studienteil gilt.

Gelten diese Richtlinien auch außerhalb der Medizin?

Ja. Sie sind in der Gesundheitsforschung entstanden, die abgefragten Angaben sind aber fachunabhängig. Eine Querschnittsbefragung in BWL, Psychologie oder Erziehungswissenschaft muss dieselben Fragen zu Stichprobe, Ausfällen und fehlenden Werten beantworten wie eine in der Epidemiologie.

Wo finde ich die Checklisten auf Deutsch?

Die Originalfassungen sind englisch. Für einige Richtlinien existieren Übersetzungen — EQUATOR weist bei CONSORT beispielsweise auf Übersetzungen der Fassung von 2010 hin. Verlasse dich bei der aktuellen Fassung auf das englische Original und übersetze die Punkte selbst, wenn du auf Deutsch schreibst.

Zählt die ausgefüllte Checkliste zum Seitenlimit?

In der Regel nicht, weil sie in den Anhang gehört und Anhänge meist vom Umfang ausgenommen sind. Prüfe das aber in deiner Prüfungsordnung, weil die Regelung je nach Hochschule unterschiedlich ist.

Fazit

Die Wahl der Berichtsrichtlinie folgt dem Studiendesign, nicht dem Fach und nicht der Gewohnheit. Beobachtungsstudie heißt STROBE, randomisierte Intervention heißt CONSORT 2025, Interviewstudie heißt COREQ, sonstige qualitative Arbeit heißt SRQR — und PRISMA bleibt dem Literaturreview vorbehalten. Wer die passende Checkliste vor dem Schreiben zieht statt danach, spart sich die unangenehmste Erfahrung im Methodikkapitel: zu merken, dass eine entscheidende Information nie erhoben wurde.

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