Interview Bachelorarbeit 2026: Leitfaden erstellen, durchführen und auswerten

Avatar thesify.team@gmail.com

5 Min. Lesezeit

Interview Bachelorarbeit 2026: Leitfaden erstellen, durchführen und auswerten

Das Interview in der Bachelorarbeit ist für viele Studierende eine der spannendsten, aber auch ungewohntesten Methoden. Plötzlich sprichst du mit Expertinnen, Betroffenen oder Praktikern — und du bist dafür verantwortlich, wertvolle Daten für deine Forschungsfrage zu gewinnen. Doch wie entwickelst du einen guten Leitfaden? Wie führst du das Interview professionell durch? Und wie wertest du die Transkripte anschließend wissenschaftlich aus?

Dieser Leitfaden beantwortet all diese Fragen konkret und praxisnah — zugeschnitten auf die Anforderungen an deutschen Universitäten wie der Universität Köln, der Freien Universität Berlin oder der Universität Hamburg.

Kurze Antwort: Ein Interview in der Bachelorarbeit folgt diesen Schritten: (1) Forschungsfrage konkretisieren, (2) Interviewleitfaden mit offenen Fragen entwickeln, (3) Pretest durchführen, (4) Einverständniserklärung einholen, (5) Interview aufnehmen und transkribieren, (6) Auswertung nach Mayring. Für Bachelorarbeiten sind 6–12 Interviews typisch.

Welcher Interviewtyp passt zu deiner Forschungsfrage?

Typ Struktur Wann geeignet?
Strukturiertes Interview Feste Fragen, feste Reihenfolge Wenn Vergleichbarkeit wichtig ist; ähnlich wie Fragebogen
Halbstrukturiertes Leitfadeninterview Themenblöcke mit offenen Fragen Standardwahl für Bachelorarbeiten
Narratives Interview Kaum Struktur, freie Erzählung Lebensgeschichten, biographische Forschung
Experteninterview Fokussierter Leitfaden Berufliches Fachwissen erschließen

Für die meisten Bachelorarbeiten ist das halbstrukturierte Leitfadeninterview die beste Wahl: Es bietet genug Struktur für Vergleichbarkeit, lässt aber Raum für unerwartete Erkenntnisse.

Den Interviewleitfaden entwickeln

Der Interviewleitfaden ist das Herzstück deines Interviews. Er besteht aus 4–6 Themenblöcken mit je 2–4 Hauptfragen und optionalen Nachfragen.

Struktur eines guten Leitfadens

  1. Einstiegsfrage (Warm-up): Leichte, nicht-bedrohliche Frage zum Einstieg. Bsp.: „Können Sie kurz beschreiben, was Sie in Ihrer aktuellen Tätigkeit machen?”
  2. Themenblock 1 (Hintergrund): Kontextualisierung des Untersuchungsthemas
  3. Themenblock 2–4 (Kernthemen): Die zentralen Untersuchungsdimensionen deiner Forschungsfrage
  4. Schlussfrage (Reflexion): Bsp.: „Gibt es etwas, das ich noch nicht angesprochen habe und das Ihnen wichtig ist?”

Formulierungsregeln für gute Interviewfragen

  • Offen formulieren: „Wie erleben Sie…?” statt „Erleben Sie…?”
  • Keine Doppelfragen: Eine Frage auf einmal
  • Keine Suggestivfragen: Nicht „Stimmt es, dass…?”
  • Einfache Sprache, keine Fachbegriffe beim Interviewten
  • Nachfrage-Karten vorbereiten: „Können Sie ein Beispiel nennen?”, „Was meinen Sie damit genau?”

Beispiel-Leitfadenfragen (Thema: KI-Nutzung im Studium)

  • „Nutzen Sie KI-Tools in Ihrem Studium? Wenn ja, welche und wie?”
  • „Wie hat sich Ihr Schreibprozess durch KI verändert?”
  • „Welche Bedenken haben Sie beim Einsatz von KI im Studium?”
  • „Wie gehen Ihre Lehrenden mit dem Thema KI um?”

Stichprobe und Rekrutierung

In der qualitativen Forschung geht es nicht um Repräsentativität, sondern um theoretische Angemessenheit. Wähle Interviewpartnerinnen gezielt aus, die relevante Perspektiven zu deiner Forschungsfrage einbringen können.

  • Anzahl: Für Bachelorarbeiten 6–12 Interviews
  • Rekrutierungswege: Hochschule, LinkedIn, Berufsverbände, Schneeball-Sampling (bestehende Kontakte empfehlen weitere)
  • Einschlusskriterien: Klar definieren — z.B. „Studierende im 5.–8. Semester an deutschen Hochschulen”

Durchführung: So läuft das Interview ab

Vor dem Interview

  • Einverständniserklärung vorbereiten (DSGVO): Aufnahme, Transkription, Anonymisierung
  • Aufnahmegerät testen (Smartphone-App reicht)
  • Ruhigen, störungsfreien Raum wählen — oder Videocall mit stabiler Verbindung

Während des Interviews

  • Brief an den Interviewten: Thema, Zweck, Dauer, Vertraulichkeit
  • Aktives Zuhören: Nicken, Pausen aushalten, nicht unterbrechen
  • Nachfragen: „Können Sie das ausführen?”, „Was meinen Sie mit…?”
  • Nicht zu früh werten oder interpretieren

Nach dem Interview

  • Feldnotizen schreiben: Atmosphäre, non-verbale Hinweise, erste Eindrücke
  • Datei sichern und Backup anlegen
  • Interview-Memo: kurze Zusammenfassung wichtigster Punkte

Transkription: Von der Aufnahme zum Text

Die Transkription überführt das gesprochene Interview in einen verschriftlichten Text, der analysiert werden kann. Für Bachelorarbeiten reicht ein einfaches Transkriptionssystem:

  • Wortgetreue Wiedergabe des Gesprochenen
  • Pausen markieren: (.) kurze Pause, (..) mittlere Pause
  • Betonungen: GROSSBUCHSTABEN
  • Unverständliche Stellen: (unverständlich)
  • Lachen, Räuspern: ((lacht))

Tools: f4transkript (kostenlos, verlangsamte Wiedergabe), MAXQDA (kostenpflichtig, Hochschullizenz prüfen), oder automatische Transkription über Whisper/Notta mit anschließender Korrektur.

Auswertung nach Mayring

Die strukturierende qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ist das Standardverfahren für Interviews in deutschen Bachelorarbeiten. Hier der vereinfachte Ablauf:

  1. Kategoriensystem entwickeln: Entweder deduktiv (aus Theorie) oder induktiv (aus Material). Für Bachelorarbeiten oft gemischt.
  2. Kodierleitfaden erstellen: Jede Kategorie erhält eine Definition und ein Ankerbeispiel aus dem Material.
  3. Erstes Kodieren: Textpassagen werden den Kategorien zugeordnet. Farbcodes oder Marginalien im Transkript.
  4. Intercoder-Reliabilität: Optional, aber wertvoll: Eine zweite Person kodiert eine Teilstichprobe. Übereinstimmung wird mit Cohens Kappa gemessen.
  5. Interpretation: Was sagen die Häufigkeiten und Muster aus? Bezug zur Forschungsfrage herstellen.

Für mehr Kontext zur Methodik-Auswahl lies unseren Artikel zu Forschungsmethoden im Überblick. Ebenfalls hilfreich: der Leitfaden zur qualitativen Forschung und wissenschaftliche Quellen bewerten. International vergleichend: KI-Einsatz im Studium auf tesify.app.

Das Interview im Methodikteil beschreiben

Im Methodikteil deiner Bachelorarbeit musst du das Interviewverfahren präzise dokumentieren. Folgende Punkte müssen enthalten sein:

  • Begründung der Methodenwahl (warum Interview, nicht Fragebogen?)
  • Interviewtyp und Leitfadenentwicklung
  • Sampling-Kriterien und Rekrutierungsweg
  • Anzahl, Dauer und Setting der Interviews
  • Transkriptionsregeln
  • Auswertungsmethode (Mayring: welche Form? welches Kategoriensystem?)
  • Datenschutzmaßnahmen

FAQ: Interview in der Bachelorarbeit

Wie viele Interviews brauche ich für meine Bachelorarbeit?

Für eine Bachelorarbeit sind typischerweise 6–12 Interviews angemessen. Das Prinzip der theoretischen Sättigung gilt als Richtschnur: Du führst Interviews durch, bis keine wesentlich neuen Erkenntnisse mehr entstehen. Besprich die geplante Anzahl mit deiner Betreuerin — sie kennt die Erwartungen deines Fachbereichs.

Muss ich Interviews selbst transkribieren?

In der Regel ja — oder zumindest überprüfen und korrigieren. Automatische Transkriptionsdienste (Whisper, Notta, AMBERSCRIPT) liefern eine gute Rohfassung, die du anpassen musst. Das manuelle Transkribieren kostet ca. 4–8-mal die Interviewlänge. Ein 45-Minuten-Interview bedeutet also 3–6 Stunden Transkriptionsarbeit — plane das in deinen Zeitplan ein.

Darf ich Interviews online per Video-Call führen?

Ja, Online-Interviews per Zoom, Teams oder Telefon sind wissenschaftlich anerkannt. Sie sind für die Bachelorarbeit oft sogar vorteilhafter, da sie geografisch flexibler sind und Zeit sparen. Du musst die Besonderheiten (kein non-verbaler Kontext, technische Qualität) im Methodikteil reflektieren und Maßnahmen zur DSGVO-konformen Aufnahme treffen.

Wie anonymisiere ich Interviews korrekt?

Echt­e Namen und identifizierende Merkmale werden ersetzt durch Pseudonyme oder Kürzel (z.B. IP1, IP2). Orte, Unternehmen, spezifische Daten, die auf Personen schließen lassen, werden ebenfalls anonymisiert oder generalisiert. Das Anonymisierungsprotokoll wird im Anhang oder Methodikteil dokumentiert. Originaldaten und die Pseudonymzuordnungsliste werden getrennt aufbewahrt.

Was ist der Unterschied zwischen Leitfadeninterview und Experteninterview?

Das Leitfadeninterview ist die Methode (halbstrukturiertes Interview mit thematischem Leitfaden). Das Experteninterview bezeichnet den Interviewtyp nach der Rolle des Befragten: Experteninterviews befragen Personen in ihrer Funktion als Fachkundige, nicht als Privatpersonen. In der Praxis werden Experteninterviews methodisch fast immer als Leitfadeninterviews durchgeführt — es handelt sich also um eine Kombination beider Konzepte.


Lascia un commento

Il tuo indirizzo email non sarà pubblicato. I campi obbligatori sono contrassegnati *